Allophon
Als Allophon (aus altgriechisch ἄλλος állos, deutsch ‚anders‘ und φωνή phōnḗ, deutsch ‚Stimme‘, also ‚anderer Klang‘) bezeichnet man in der Linguistik eine konkrete lautliche Variante eines Phonems. Allophone werden auch als Phonemvarianten oder subphonematische Varianten bezeichnet.
Ein Phonem ist keine einzelne, unveränderliche Aussprache, sondern eine abstrakte lautliche Einheit, mit der in einer Sprache Bedeutungen unterschieden werden können. Ein Allophon ist dagegen eine der tatsächlich hörbaren Formen, in denen ein Phonem ausgesprochen wird. So kann das deutsche Phonem /r/ unter anderem als Zungen-r [r], Zäpfchen-r [ʀ] oder Reibelaut [ʁ] verwirklicht werden. Das Wort „rot“ behält dabei seine Bedeutung, unabhängig davon, welche dieser Aussprachen verwendet wird.
Abgrenzung zum Phonem
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Phoneme werden üblicherweise zwischen Schrägstrichen, konkrete Laute und Allophone dagegen in eckigen Klammern geschrieben. /r/ bezeichnet somit die abstrakte lautliche Einheit, während [r], [ʀ] und [ʁ] unterschiedliche mögliche Aussprachen dieser Einheit bezeichnen.
Entscheidend für die Unterscheidung ist, ob ein Lautunterschied die Bedeutung eines Wortes verändern kann. Im Deutschen bilden beispielsweise „Bein“ und „Pein“ ein Minimalpaar: Die Wörter unterscheiden sich nur durch /b/ beziehungsweise /p/, haben aber verschiedene Bedeutungen. /b/ und /p/ sind deshalb unterschiedliche Phoneme. Wird dagegen in „rot“ ein Zungen-r durch ein Zäpfchen-r ersetzt, entsteht kein anderes Wort. Die unterschiedlichen r-Laute können daher als Allophone desselben Phonems aufgefasst werden.
Allophone sind zwei oder mehrere freie oder stellungsbedingte Realisierungen ein und desselben Phonems. Das Vorhandensein verschiedener Aussprachen verändert den Status des Phonems nicht. Die Unterschiede zwischen den Allophonen können deutlich hörbar sein, dienen jedoch nicht dazu, Wörter oder grammatische Formen voneinander zu unterscheiden. Von bloßen Koartikulationseffekten, also beiläufigen Veränderungen eines Lautes durch die Bewegungen zu benachbarten Lauten, werden Allophone dadurch abgegrenzt, dass sie regelmäßig auftreten und sich als wiederkehrende Varianten beschreiben lassen.
Welche Lautunterschiede bedeutungsunterscheidend sind, hängt von der jeweiligen Sprache ab. Zwei Laute können in einer Sprache Allophone desselben Phonems, in einer anderen Sprache jedoch selbstständige Phoneme sein. Muttersprachler lernen diese Einteilung gewöhnlich unbewusst: Sie können einen Unterschied in der Aussprache wahrnehmen, behandeln ihn aber nur dann als bedeutungsrelevant, wenn er in ihrer Sprache unterschiedliche Wörter kennzeichnet.
Freie Allophonie liegt vor, wenn mehrere Varianten in derselben lautlichen Umgebung vorkommen können, ohne dass sich die Bedeutung ändert. Die Wahl kann dennoch von der Region, der sozialen Gruppe, der Sprechweise oder den Gewohnheiten eines einzelnen Sprechers abhängen. In einem vereinfachten Beispiel könnte das Phonem /g/ in zwei Dialekten regelmäßig als [g] beziehungsweise als [d͡ʒ] ausgesprochen werden. Sprecher des einen Dialekts würden dann an denselben Stellen [g] verwenden, an denen Sprecher des anderen Dialekts [d͡ʒ] verwenden. Welches Zeichen für das übergeordnete Phonem gewählt wird, ist eine Frage der sprachwissenschaftlichen Darstellung und bedeutet nicht, dass nur eine der beiden Aussprachen „richtig“ wäre.
Stellungsbedingte Allophonie liegt vor, wenn die lautliche Umgebung festlegt, welche Variante erscheint. Angenommen, das Phonem /s/ würde in einer Sprache vor [a] und [u] als [s], vor [i] dagegen als [ʃ] ausgesprochen. Dann könnten die Sprecher nicht frei zwischen [s] und [ʃ] wählen: [s] käme in dieser Sprache nie vor [i] und [ʃ] nie vor [a] oder [u] vor. Da sich das Auftreten der beiden Laute vollständig aus ihrer Umgebung vorhersagen ließe und durch den Austausch keine unterschiedlichen Wörter entstünden, würden sie als Allophone eines Phonems gelten.
Ein wichtiges Hilfsmittel zur Unterscheidung von Phonemen und Allophonen ist die Minimalpaaranalyse. Dabei sucht man Wörter oder Morpheme, also kleinste bedeutungstragende Einheiten, die sich nur in einem Laut unterscheiden. Führt der Lautunterschied zu einer anderen Bedeutung, spricht dies für zwei verschiedene Phoneme. Führt er zu keiner Bedeutungsänderung oder ist die jeweilige Aussprache regelmäßig aus der lautlichen Umgebung vorhersagbar, können die Laute als Allophone desselben Phonems eingeordnet werden. Das bloße Fehlen eines bekannten Minimalpaars reicht für diese Einordnung allerdings nicht immer aus; zusätzlich muss untersucht werden, in welchen Umgebungen die Laute auftreten.
Arten von Allophonen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Es werden insbesondere folgende Formen unterschieden:
- Freie Variation
- Bei der freien Variation können mehrere Aussprachen eines Phonems in derselben lautlichen Umgebung verwendet werden. Ein Beispiel sind das Zungen- und das Zäpfchen-r im Deutschen: Das r kann vorne mit der Zungenspitze gerollt als [r], hinten mit dem Gaumenzäpfchen gerollt als [ʀ] oder dort gerieben als [ʁ] ausgesprochen werden. Wird in einem Wort die eine Variante durch eine andere ersetzt, ändert sich die Wortbedeutung nicht. Die Aussprache kann jedoch Hinweise auf die regionale Herkunft, das Alter oder den persönlichen Sprechstil eines Menschen geben. „Frei“ bedeutet daher vor allem, dass die lautliche Umgebung nicht zwingend eine bestimmte Variante verlangt.
- Kombinatorische Variation
- Bei der kombinatorischen Variation hängt die Aussprache von den benachbarten Lauten ab. Ein bekanntes Beispiel sind die im Deutschen mit dem Digraphen ch geschriebenen Laute. Nach vorderen („hellen“) Vokalen wird ch meist als Ich-Laut [ç] ausgesprochen, etwa in „ich“, „Licht“ oder „Bücher“. Nach hinteren („dunklen“) und offenen Vokalen erscheint dagegen gewöhnlich der Ach-Laut [x] oder [χ], etwa in „Buch“, „Loch“ oder „ach“. Das Wortpaar „Buch – Bücher“ veranschaulicht den Zusammenhang besonders deutlich: Mit der Veränderung des Stammvokals verändert sich regelmäßig auch die Aussprache des ch.
- Ein weiteres anschauliches Beispiel bietet das Englische. Das Phonem /p/ wird am Anfang einer betonten Silbe meist behaucht als [pʰ] gesprochen, etwa in pin. Nach /s/ fehlt diese deutliche Behauchung, wie in spin, sodass dort [p] gesprochen wird. Englische Sprecher nehmen beide Laute normalerweise als Varianten desselben Phonems wahr. In anderen Sprachen kann der Unterschied zwischen einem behauchten und einem unbehauchten p dagegen verschiedene Wörter kennzeichnen und somit phonemisch sein.
Wenn zwei stellungsbedingte Allophone niemals in derselben lautlichen Umgebung auftreten, spricht man von komplementärer Distribution. Die Verteilung der Varianten ergänzt sich dann gegenseitig: Wo die eine Variante vorkommt, ist die andere ausgeschlossen. Ein Sprecher muss die zugrunde liegende Regel nicht bewusst kennen; er wendet sie beim Sprechen seiner Muttersprache gewöhnlich automatisch an.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Karl-Heinz Best: LinK – Linguistik in Kürze mit einem Ausblick auf die Quantitative Linguistik. 5., durchgesehene Auflage. RAM Verlag, Lüdenscheid 2008, S. 4. Keine ISBN. Kapitel: Phonetik und Phonologie (= Phonemik) des Deutschen, S. 3–8 und S. 12 f.
- Hadumod Bußmann (Hrsg.) unter Mitarbeit von Hartmut Lauffer: Lexikon der Sprachwissenschaft. 4., durchgesehene und bibliographisch ergänzte Auflage. Kröner, Stuttgart 2008, ISBN 978-3-520-45204-7, Stichwörter: Allophon, Phonem, Phonemanalyse.
- Theodor Lewandowski: Linguistisches Wörterbuch. Band 1, 2; 4. Auflage. Heidelberg 1984; ISBN 3-494-02020-5, ISBN 3-494-02021-3, Stichwörter: Allophon, Phonem, Phonemanalyse.