Schwenkflügel

Schwenkflügel sind Tragflächen eines Flugzeugs, deren Pfeilung und damit aerodynamisch wirksame Flügelfläche durch einen Schwenkmechanismus verändert werden kann.
Geschichte
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Am 4. Juni 1942 wurde dem deutschen Aerodynamiker Albert Betz ein geheimgehaltenes Zusatzpatent (799/42) mit der Bezeichnung „Flugzeug mit Einrichtung zur Änderung der Flügelpfeilung“ erteilt, was als Geburtsstunde des Schwenkflügelkonzepts betrachtet werden darf.[1] Als erstes Schwenkflügelflugzeug gilt heute der Prototyp der Messerschmitt P.1101, dessen Flügel am Boden in einem Bereich von 35°–45° verstellbar waren. Nachdem das Flugzeug gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Kriegsbeute in amerikanische Hände gefallen war, wurde auf dessen Basis die Bell X-5 entwickelt, die im Flug verstellbare Schwenkflügel besaß.
Funktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Je nach Ausführung der Schwenkflügel werden entweder die gesamten Tragflächen oder nur Teile der Tragflächen geschwenkt. Der Luftwiderstand und der Auftrieb des Tragwerks können so an die jeweilige Fluggeschwindigkeit und Einsatzbedingungen angepasst werden. Bei Start und Landung oder niedriger Geschwindigkeit werden die Flächen auf geringe Pfeilung gestellt, wodurch trotz der geringen Geschwindigkeit ein hoher Auftrieb erzeugt wird. Start- und Landegeschwindigkeit können so verringert werden und auch die Manövrierfähigkeit im Langsamflug wird verbessert. Beim schnellen Flug wird die Pfeilung erhöht, was den Luftwiderstand des Flugzeugs reduziert und somit eine höhere Geschwindigkeit und – wegen des geringeren Treibstoffverbrauchs – größere Reichweite ermöglicht.
Die Pfeilung ist dabei nur der offensichtlichste Teil. Besonders wichtig ist aus aerodynamischer Sicht, dass sich durch das Schwenken der Tragflächen auch die Flügelstreckung und die Profiltiefe verändern lassen. Letzteres ergibt sich daraus, dass sich, bei gleichbleibender Dicke des Flügels, durch das Zurückschwenken die Profilsehne in Strömungsrichtung gesehen verlängert.
Eine besondere Form des Schwenkflügels stellt das sogenannte Schiebeflügel-Konzept (engl. „oblique wing“), das ebenfalls auf deutsche Entwürfe gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zurückgeht, dar, bei dem eine durchgehende Tragfläche um einen zentralen Drehpunkt geschwenkt wird.
Schwenkrotor-Flugzeuge, die statt der Rotorgondeln die ganze Tragfläche nach oben schwenken können (z. B. die Hiller X-18), werden ebenfalls oft als Schwenkflügelflugzeuge bezeichnet. Die korrekte Bezeichnung hierfür ist aber Kippflügelflugzeug. Ebenfalls nicht zu verwechseln ist der Schwenkflügler mit dem Knickflügel („Möwenflügel“) sowie den faltbaren Tragflächen von Trägerflugzeugen, die deren platzsparende Unterbringung auf den Decks von Flugzeugträgern ermöglichen.
Vor- und Nachteile
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Schwenkflügel bieten Vorteile, wenn hohe Anforderungen an Langsamflugverhalten, Startbahnlänge, Nutzlastkapazität sowie gleichzeitig an den Flug mit sehr hohen Geschwindigkeiten (Überschallfähigkeit, z. B. beim Eindringen in den gegnerischen Luftraum oder bei Abfangmanövern) in einer Flugzeugzelle vereint werden sollen. Nachteile entstehen gegenüber Festflügel-Konstruktionen durch erhöhtes Leergewicht und die Komplexität des Schwenkmechanismus.
Das Aufkommen von Relaxed-Stability-Kontrollsystemen in den 1970er Jahren merzte viele Nachteile von Festflügelsystemen aus. Seit der Tupolew Tu-160 (Erstflug 1981) wurde kein neues Schwenkflügelflugzeug mehr entwickelt. Allerdings ist bemerkenswert, dass das Nachfolgemodell des US-amerikanischen Marinekampfflugzeugs Grumman F-14 – die Boeing F/A-18E/F – wegen kleinerer Festflügel eine geringere Nutzlast bzw. Reichweite aufweist.[2]
Alternative Lösungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei der North American XB-70 wurden die Flügel – genau genommen: die Flügelenden – nicht horizontal, sondern vertikal geschwenkt. Ab ca. Mach 1,8 wurden beide Flügelenden bis maximal 65° nach unten geklappt.
Beim Oblique Wing wird ein durchgehender Flügel in Hochdecker-Konfiguration schräggestellt.
Flugzeuge mit Schwenkflügeln
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bezeichnungen von Experimentalflugzeugen, nicht in Serie gebauten Prototypen und nicht realisierten Projekten sind im Folgenden kursiv gesetzt.
| Flugzeugtyp | Herkunftsland | Erstflug | Verwendungszweck | Dienstzeit | Stückzahl | Bemerkungen | Bild |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Messerschmitt P.1101 | — | Experimentalflugzeug | — | 1 | Bau April 1945 kurz vor Fertigstellung eingestellt | ||
| Bell X-5 | 1951 | Experimentalflugzeug | — | 2 | Testprogramm 1955 beendet | ||
| Grumman XF10F Jaguar | 1952 | Trägergestütztes Jagdflugzeug | — | 1 | Erprobung 1953 abgebrochen, Bestellung storniert | ||
| General Dynamics F-111 Aardvark | 1964 | Jagdbomber und strategischer Bomber | 1967–2010 | 563 | |||
| Suchoi Su-17, Su-20, Su-22 | 1966 | Jagdbomber | 1971–heute | 1217 / 140 / 1020 | Su-20 und Su-22 Exportvarianten | ||
| Mikojan-Gurewitsch MiG-23 | 1967 | Mehrzweckkampfflugzeug | 1969–heute | 5047 | Varianten als Abfangjäger (M) und Jagdbomber (B) | ||
| Dassault Mirage G und G8 | 1967 | Mehrzweckkampfflugzeug | — | 1 / 2 | Entwicklung 1973 eingestellt | ||
| Tupolew Tu-22M | 1969 | Mittelstreckenbomber | 1976–heute | 497 | |||
| Boeing 2707 | — | Überschall-Verkehrsflugzeug | — | — | Projekt, Schwenkflügel im ursprünglichen Entwurf vorgesehen | ||
| Suchoi Su-24 | 1970 | Taktischer Bomber | 1975–heute | ca. 1400 | |||
| Grumman F-14 Tomcat | 1970 | Trägergestützter Luftüberlegenheitsjäger | 1972–2026 (?) | 712 | |||
| Mikojan-Gurewitsch MiG-27 | 1972 | Jagdbomber | 1975–2023 | 1075 | für Tiefangriffe optimierte Variante der MiG-23, Stückzahl einschl. indischer Lizenzproduktion als Bahadur | ||
| Panavia Tornado | 1974 | Mehrzweckkampfflugzeug | 1979–heute | 992 | Varianten als Jagdbomber (IDS), Abfangjäger (ADV) und elektronisches Kampfflugzeug (ECR) | ||
| Rockwell B-1A | 1974 | Strategischer Bomber | — | 4 | zur Serienreife entwickelt, nicht beschafft | ||
| General Dynamics-Grumman EF-111 Raven | 1977 | Elektronisches Kampfflugzeug | 1983–1998 | 42 | Umbau aus F-111A | ||
| Tupolew Tu-160 | 1981 | Strategischer Bomber | 1987–heute | 36 | |||
| Rockwell B-1B Lancer | 1984 | Strategischer Bomber | 1986–heute | 100 | überarbeitete tiefflugtaugliche B-1 | ||
| Tupolew Tu-160M2 | 2022 | Strategischer Bomber | 2024–heute | einige wenige |
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Heiko Thiesler: Schwenkflügelflugzeuge. Motorbuch Verlag, Stuttgart 2022, ISBN 978-3-613-04504-0.
- Die Pfeilflügelentwicklung in Deutschland bis 1945. In: Hans-Ulrich Meier (Hrsg.): Die Pfeilflügelentwicklung in Deutschland bis 1945. Bernard & Graefe Verlag, Bonn 2006, ISBN 3-7637-6130-6.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Hans-Ulrich Meier: Der Hochgeschwindigkeitsflug und seine aero- und gasdynamischen Herausforderungen. In: Hans-Ulrich Meier (Hrsg.): Die Pfeilflügelentwicklung in Deutschland bis 1945. Bernhard & Graefe, Bonn 2006, ISBN 3-7637-6130-6, S. 147–150.
- ↑ Bob Kress, Paul Gilcrist: Battle of the Superfighters – F-14D Tomcat vs. F/18 E/F Super Hornet. In: Flight Journal Magazine. Februar 2002 (online ( vom 4. April 2009 im Internet Archive) – „[...] it has only 36 percent of the F-14's payload/range capability“).