Wolfgang Pillewizer
Wolfgang Pillewizer (* 4. Juli 1911 in Steyr; † 8. Februar[Anmerkung 1] 1999 in Wien) war ein österreichischer Kartograf, Geomorphologe, Glaziologe und Hochgebirgsforscher.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Pillewizers Mutter, Michaela Pillewizer, war die erste eingeschriebene Studentin an der Technischen Hochschule in Graz und wirkte später zusammen mit dem Vater, dem Gymnasialdirektor Emerich Pillewizer, an der Gründung und der Erhaltung mehrerer Mädchenschulen in Österreich mit.
Nach der Matura am Realgymnasium in Linz studierte Wolfgang Pillewizer von 1930 bis 1935 Geographie und Naturwissenschaften an der Universität Graz. Er war bereits zum 21. Januar 1932 der NSDAP (Mitgliedsnummer 781.925)[1][2] und im selben Jahr der SA beigetreten, in der er es mindestens bis zum Truppführer brachte, ferner war er Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Dozentenbunds.[3] In Graz erfolgte am 21. Dezember 1934 seine Promotion zum Doktor der Philosophie sowie 1935 seine Prüfung für das höhere Lehramt. Von 1935 bis 1936 absolvierte er ein Probejahr als Lehrer am Realgymnasium in Graz, bevor er von 1937 bis 1939 als Assistent bei Richard Finsterwalder an der Technischen Hochschule in Hannover arbeitete, wo er an Expeditionen zum Jostedalsbre in Südwestnorwegen (1937) und nach Spitzbergen (1938) teilnahm. Von 1939 bis 1942 war Wolfgang Pillewizer als Referatsleiter für die Kartographische Abteilung des Reichsamtes für Landesaufnahme in Berlin tätig. 1940 habilitierte er sich für das Fach Geographie an der Universität Graz und wurde 1942 an der Technischen Hochschule in Hannover zum beamteten Dozenten für Geographie und Kartographie.
Am 1. April 1940 wurde Wolfgang Pillewizer zum Wehrdienst einberufen, konnte aber schon im Mai wieder fachlich tätig werden, als er als Angehöriger des Sonderkommandos Dora unter Otto Schulz-Kampfhenkel an einer Expedition in die libysche Sahara teilnahm. Anschließend wurde er in dessen Forschungsstaffel z. b. V. übernommen, wo er in der Ukraine, auf dem Balkan, zuletzt in Nordnorwegen und in Finnisch-Lappland und anschließend als Hauptkartograph in der Zentrale tätig war.[4] Im Jahr 1945 geriet er in amerikanische Kriegsgefangenschaft, wo er bis 1947 verblieb.
Von 1947 bis 1957 war Wolfgang Pillewizer Leiter der Kartographischen Abteilung, dann Technischer Leiter der Karl Wenschow GmbH, Geographische Anstalt in München. Im Jahr 1954 leitete er die wissenschaftliche Gruppe der deutsch-österreichischen Himalaja-Karakorum-Expedition.
1958 erhielt Wolfgang Pillewizer den Ruf an die Technische Hochschule Dresden und übernahm dort den Lehrstuhl für Kartographie. Nachdem der Lehrstuhlinhaber Günther Köhler unerwartet verstorben war, wurde Wolfgang Pillewizer im September 1958 die kommissarische Leitung des Geographischen Instituts übertragen, die er bis zur Übernahme des Lehrstuhls durch Ernst Neef im Oktober 1959 innehatte. 1960 wurde er darüber hinaus der erste Direktor des neu entstandenen Instituts für Kartographie der Technischen Hochschule, ab 1961 Technische Universität Dresden. Aufgrund der 3. Hochschulreform in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) wurde das Institut für Kartographie im Herbst 1968 in Wissenschaftsbereich Kartographie umbenannt und der neu gegründeten Sektion Geodäsie und Kartographie unterstellt. Wolfgang Pillewizer blieb Bereichsleiter für den Wissenschaftsbereich und wurde darüber hinaus Stellvertreter des Sektionsdirektors für Planung und Leitung der Wissenschaft und ab 1969 Stellvertreter des Direktors der Sektion Walter Zill. Auf Grund der Entwicklung der politischen Verhältnisse in der DDR, der Verschärfung der Geheimhaltungsbestimmungen für topografische Karten sowie wegen Plänen zur Einführung des Wahlfaches Kartographie für Geodäsiestudenten an der Technischen Hochschule Wien entschloss sich Wolfgang Pillewizer 1970, den Lehrstuhl für Kartographie in Dresden aufzugeben und – nachdem er für ein Semester vertretungsweise die Lehrverpflichtungen eines vakanten Lehrstuhls für Geographie an der Universität Göttingen übernommen hatte – als Professor nach Wien zu gehen. Von 1971 bis 1981 war er Ordinarius am neuen Institut für Kartographie und Reproduktionstechnik der Technischen Hochschule, ab 1975 Technische Universität Wien, dessen Aufbau seinen ganzen Einsatz forderte.
Wolfgang Pillewizers besonderes Interesse galt der Gletscherforschung und der Nutzung der Photogrammetrie insbesondere für die Hochgebirgs- und Gletscherkartografie. Er war Teilnehmer an Hochgebirgs- und Polarexpeditionen und leitete die ersten selbständigen Polarexpeditionen der DDR 1962 und 1964 nach Spitzbergen. Während seiner Tätigkeit in Dresden weitete er sein Tätigkeitsfeld auch in Richtung der thematischen Kartografie aus.
Wolfgang Pillewizer war verheiratet und hinterließ einen Sohn und eine Tochter. Er wurde am Hietzinger Friedhof bestattet.
Benennungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Nach Wolfgang Pillewizer wurden zwei Punkte auf Spitzbergen benannt – der Pillewizerfjellet war einer der Hauptmesspunkte aus dem Jahre 1938 und Pillewizerknatten heißt ein Punkt für Geschwindigkeitsmessungen am Gänsegletscher.
- Im Jahr 1988 wurde ein bis dahin unbenannter 2999 m ü. A. hoher Gratsporn am Keeskogel, etwa zwei Kilometer nördlich des Großvenedigers in Österreich, Pillewizer getauft. Am nahen Untersulzbachkees hatte Pillewizer glaziologische Vermessungsarbeiten betrieben. Diese Benennung wurde 2026 aufgrund von Pillewizers nationalsozialistischer Vergangenheit vom Österreichischen Alpenverein wieder rückgängig gemacht. Die am Gipfel angebrachte Gedenktafel wurde wieder entfernt.[5]
Veröffentlichungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Bibliografie von Wolfgang Pillewizer umfasst etwa 30 wissenschaftliche Arbeiten und mehrere populärwissenschaftliche Bücher.
- Die kartographischen und gletscherkundlichen Ergebnisse der deutschen Spitzbergen-Expedition 1938 (= Petermanns Geographische Mitteilungen, Ergänzungsheft Nr. 288). Verlag Justus Perthes, Gotha 1939 (Zugleich Habilitationsschrift 1940).
- Zwischen Wüste und Gletschereis. Deutsche Forscher im Karakorum. Haack, Gotha 1960, 2. Auflage 1961.
- Gletscherland in der Arktis. Brockhaus, Leipzig 1965.
- Die thematische Landeskartierung. In: Vermessungstechnik, Bd. 16, Nr. 6, 1968, S. 217–223 und Nr. 7, 1968, S. 271–273.
- Thematische Aufnahmekarten als Folgeproduktion der topographischen Kartierung. In: Wissenschaftliche Zeitschrift der TU Dresden. Bd. 19, Nr. 1, 1970, S. 141–144.
Ehrungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Erik Arnberger: Wolfgang Pillewizer. Das Werk eines Wissenschaftlers als Geograph, Kartograph und aufnehmender Photogrammeter. In: Geographische Mitteilungen. Band 118, II/76; 1976.
- Dorit Petschel: 175 Jahre TU Dresden. Band 3: Die Professoren der TU Dresden 1828–2003. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft von Freunden und Förderern der TU Dresden e. V. von Reiner Pommerin. Böhlau, Köln u. a. 2003, ISBN 3-412-02503-8.
- Werner Stams: Pillewizer, Wolfgang. In: Jürgen Bollmann, Wolf Günther Koch (Herausgeber): Lexikon der Kartographie und Geomatik. Band 2: Karto bis Z. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 2002, ISBN 3-8274-1056-8, S. 221–222.
- Technische Universität Wien (Hrsg.): Glaziologie und Kartographie. Prof. Dr. Wolfgang Pillewizer zum 70. Geburtstag (= Geowissenschaftliche Mitteilungen, Heft 21). Wien 1982.
- H. Meißner: Pillewizer, Emerich (1879–1945), Pädagoge. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 8, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1983, ISBN 3-7001-0187-2, S. 77 f. (Direktlinks auf S. 77, S. 78). (Vater)
- H. Meißner: Pillewizer, Michaela; geb. Wutschnig (1881–1947), Pädagogin. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 8, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1983, ISBN 3-7001-0187-2, S. 78. (Mutter)
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Anmerkung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/32500151
- ↑ Harry Waibel: Diener vieler Herren. Ehemalige NS-Funktionäre in der SBZ/DDR. Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 2011, ISBN 978-3-631-63542-1, S. 249.
- ↑ Nationalsozialistische Unrechtsmaßnahmen an der Technischen Hochschule Hannover. Petersberg 2016, S. 113 (online).
- ↑ Hermann Häusler: Forschungsstaffel z.b.V. Eine Sondereinheit zur militärgeografischen Beurteilung des Geländes im 2. Weltkrieg. MILGEO Nr. 21/2007, S. 177–178.
- ↑ NS-Vergangenheit: Salzburg verliert einen Dreitausender. In: salzburg.orf.at. 28. August 2026, abgerufen am 28. August 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Pillewizer, Wolfgang |
| KURZBESCHREIBUNG | österreichischer Kartograf, Geomorphologe, Glaziologe und Hochgebirgsforscher |
| GEBURTSDATUM | 4. Juli 1911 |
| GEBURTSORT | Steyr |
| STERBEDATUM | 8. Februar 1999 |
| STERBEORT | Wien |
- Kartograf (20. Jahrhundert)
- Glaziologe
- Hochschullehrer (Technische Hochschule Hannover)
- Hochschullehrer (Technische Universität Dresden)
- Hochschullehrer (Technische Universität Wien)
- Träger des österreichischen Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst I. Klasse
- NSDAP-Mitglied
- SA-Mitglied
- Österreicher
- Geboren 1911
- Gestorben 1999
- Mann
- Geomorphologe