
#Femizide
Femizid bezeichnet die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts.
Diese Tötungen sind keine Einzelfälle. Hinter ihnen steckt eine gewaltvolle Geschlechterordnung: Das Patriarchat. Das Patriarchat wertet Männlichkeit als Norm und normal auf. Dadurch entsteht eine Hierarchie der Geschlechter. Das Patriarchat ermöglicht Gewalt gegenüber den von der Norm „Männlichkeit“ abweichenden Geschlechtern und Geschlechtskörpern. Hierzu gehören u. a. cis und trans* Frauen.
Zu Femizid….
Der Begriff Femizid (englisch: femicide) wurde 1976 von der feministischen Soziologin und Autorin Diana E. H. Russell beim Internationalen Tribunal gegen Gewalt an Frauen in Brüssel öffentlich verwendet (vgl. Dyroff et al., 2020, S. 4ff.). Die am weitesten verbreitete Definition, die Russell aufstellte, lautet:
Ein Femizid ist „die Tötung von weiblichen Personen durch männliche Personen, weil sie weiblich sind“ (Maier et al., 2023).
Diese Definition macht deutlich, dass Femizid eine Form patriarchaler Gewalt darstellt, bei der das Geschlecht des Opfers der entscheidende Grund für die Tötung ist – Frauen werden also gezielt aufgrund ihres Geschlechts getötet. Der Begriff ermöglicht es zwischen Tötungen zu unterscheiden, bei denen das Geschlecht des Opfers zufällig weiblich ist und solchen, bei denen das Geschlecht ein gezieltes Motiv für die Tat darstellt – also einem Femizid (vgl. ebd.).
Femizide sind ein globales Phänomen und es gibt unterschiedliche Definitionen von Femizid. Diese können je nach Land und Kontext variieren. Besonders in Lateinamerika, wo der Begriff in den 1990er Jahren an gesellschaftspolitischer Bedeutung gewann, wurde er erweitert. Dies geschah, um auch gesellschaftliche und strukturelle Faktoren sowie staatliches Versagen beim Schutz von Frauen zu berücksichtigen (vgl. Dyroff et al., 2020, S. 4ff.). Im Spanischen wird dieser erweiterte Begriff als feminicidio und im Deutschen als Feminizid bezeichnet.
Femizid als höchste Form patriarchaler Gewalt
Was alle Definitionen des Begriffs gemeinsam haben ist die Übereinstimmung, dass Femizid die höchste Form patriarchaler Gewalt darstellt. Femizid ist häufig das Endstadium einer Eskalation geschlechtsspezifischer Gewalt im Kontext von häuslicher und sexualisierter Gewalt, die oft über Jahre hinweg andauert (vgl. Dyroff et al., 2020, S. 4ff.). Zudem zeigt sich, dass die häufigste Form von Femiziden in oder nach heterosexuellen Partnerschaften durch den (Ex-)Partner verübt wird (vgl. Rebmann et al., 2025, S. 4).
Femizid in Zahlen
Quasi jeden Tag wird in Deutschland ein Femizid verübt: 360 Frauen wurden 2023 durch Männer getötet. 578 Frauen waren von versuchten femizidalen Tötungsdelikten betroffen. Diese Männer sind meist ihre Partner oder Ex-Partner (vgl. Bundeskriminalamt, 2024). 2024 wurden im Kontext von Partnerschaftsgewalt 308 Frauen getötet. (vgl. Bundeskriminalamt, 2025).
Fachkräfte und Menschenrechtsaktivist*innen gehen von einer viel höheren Zahl aus. Die Hürden für Hilfe, Beratung und die Erstattung von Strafanzeige im Patriarchat sind nach wie vor hoch. Zudem werden Femizide häufig nicht spezifisch als solche erfasst, sondern als allgemeine Tötungsdelikte klassifiziert (vgl. Schröttle/Arnis, 2023). Diese Praxis erschwert sowohl eine präzise Analyse als auch die Entwicklung gezielter Präventionsstrategien erheblich.
Femizid in der Berichterstattung
Patriarchale Strukturen ermöglichen Femizide. Diese Tatsache wird nach wie vor zu wenig oder gar nicht in der medialen Berichterstattung über Tötungen an Frauen benannt. Häufig wird nach der Tötung einer Frau von „Familiendrama“, „Beziehungstat“, „Ehrenmord“ oder anderen problematischen Konzepten berichtet. Dabei steckt tatsächlich ein System dahinter: das Geschlecht der Frauen ist ausschlaggebend für die Tötung. Benannte Beschreibungen aber verharmlosen und vernachlässigen die Motive der Täter.
Von Ehrenmord…
Dieser Begriff kulturalisiert, rassifiziert, verharmlost und verfälscht die zugrundeliegende globale patriarchale Gewalt. Er reproduziert rassistische Stereotype und trägt dazu bei, dass Femizide als Einzelfälle oder als Problem durch Migration dargestellt werden, statt als strukturelles Problem erkannt zu werden (vgl. Schröttle/Arnis, 2023). Solche Fehlbezeichnungen erschweren es, ein tiefgehendes Verständnis für die zugrundeliegenden Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu entwickeln, die Femizide erst möglich machen. Außerdem legitimieren sie rassistische Migrationspolitiken und Budgetverlagerungen zum Nachteil potenzieller Opfer von Femiziden.
Rassistische Erklärungsmuster retten keine Frauenleben, sondern sind in ihren Konsequenzen ebenso tödlich wie Femizide.
Quellen:
• Dyroff, Merle; Pardeller, Marlene; Wischnewski, Alex (2020): #Keine mehr! Warum wir Femizide verhindern müssen. Rosa-Luxemburg-Stiftung (Hg.) [Zugriff am: 16.10.2024].
• Bundeskriminalamt (2024): Straftaten gegen Frauen und Mädchen steigen in allen Bereichen – Fast jeden Tag ein Femizid in Deutschland. Verfügbar unter: [Zugriff am 17.07.2025]
• Maier, Sabine Patricia; Lutz, Paulina; Labarta Greven, Nora; Rebmann, Florian (2023): Wie tödlich ist das Geschlechterverhältnis?. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.) Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de (14), S. 9. [Zugriff am: 16.10.2024].
• Bundesministerium des Innern und für Heimat. Gewalt gegen Frauen. [Zugriff am: 16.10.2024].
• Schröttle, Monika; Arnis, Maria (2023): Femizide und notwendige Maßnahmen. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.): Dossier Femizide und Gewalt gegen Frauen. [Zugriff am: 16.10.2024].
• Bundeskriminalamt (2025): Polizeilich erfasste Gewalt gegen Frauen nimmt weiter zu. [Zugriff am: 27.01.2026].
• Rebmann, Florian; Maier, Sabine P.; Stelly, Wolfgang; Thomas, Jürgen; Labarta Greven, Nora; Lutz, Paulina (2025): Femizide in Deutschland. Eine empirisch-kriminologische Untersuchung zur Tötung an Frauen. Forschungskurzbericht. [Zugriff am: 27.01.2026].
#Weiterlernen
Beratungsstelle:
• Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016
Film/Video:
• Video zur Verharmlosung von Femiziden
• Film: „Nur eine Frau“ von Sherry Hormann
Soziale Medien:
• Instagram-Seite: @femizide_stoppen.
Podcasts:
• APuZ Podcast: Femizid – Eine Untersuchung der Ursachen und Folgen.
• Lila Podcast: Femizide – Warum Männer Frauen töten mit Margherita Bettoni.
• Ganz schön laut – Was verteidigst du? Asha Hedayati und häusliche Gewalt.
Literatur:
• #keinemehr – Femizide in Deutschland.
• Buch: Die Stille Gewalt – Wie der Staat Frauen alleinlässt von Asha Hedayati, 2023
• Buch: Weißen Feminismus canceln von Sibel Schick, 2023
• Artikel ND: Taliban light. Die Medien interessieren sich vor allem dann für Morde an Frauen, wenn der Täter muslimisch ist oder geflüchtet.