Törichter Brief an Herzog
Warum Annemarie Schimmel den Friedenspreis 1995 verdient hat / Von ERWIN WICKERT
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Erwin Wickert, zuletzt von1976 bis 1980 Botschafterin Peking, ist Schriftstellerund Vorsitzender desDeutschen Autorenrates
Auf Initiative von Ralph Giordano, Günter Wallraff und Alice Schwarzer haben rund 75 deutsche Schriftsteller - darunter vor allem die der Gescheiterten Linken und das gesamte Präsidium des westdeutschen PEN-Zentrums - den Bundespräsidenten aufgefordert, den Friedenspreis des Buchhandels an die Orientalistin und Islamforscherin Annemarie Schimmel nicht zu übergeben. Der Brief ist aufgeregt, töricht und uninformiert. Die Begründungen sind zuweilen bewußt irreführend und oft völlig falsch. Er ist kein gutes Zeugnis für die Fähigkeit unserer Dichter und Denker, einen Sachverhalt kritisch zu prüfen.
Obwohl Frau Schimmel wieder und wieder erklärt hat, sie billige die Fatwa, das islamische Todesurteil gegen den Schriftsteller Salman Rushdie wegen "Gotteslästerung", nicht, wirft man ihr in dem Brief noch einmal vor, ihre "Befürwortung der Fatwa" sei "Teil ihres Denkens und Fühlens". Sie hat die Fatwa nie befürwortet! Wie oft soll sie denn noch erklären, daß sie sie entsetzlich findet! Sie hat nur objektiv die jahrhundertelange Diskussion über die Fatwa im Islam beschrieben, was ihr als Islamforscherin und Orientalistin nicht nur erlaubt ist, sondern was ihre Pflicht ist.
Der Brief wirft ihr eine "unkritische Werbung um Verständnis für den Fundamentalismus" vor. Sie scheine "bereit, auch den weltweit blutig agierenden Fundamentalismus in Kauf zu nehmen". Das ist eine grobe Verfälschung. Wer ihr Werk kennt, weiß, daß sie mit großer Kenntnis und Einfühlung über ihr Spezialgebiet, den Sufismus, schreibt - die 1200 Jahre alte Mystik des Islam, die für die Verinnerlichung des rigoros gesetzlichen Islams, für Caritas und soziale Hilfe in der Geschichte Großes geleistet hat. Der Fundamentalismus ist sein Gegenteil, was Frau Schimmel auch ruhig und ohne Aufgeregtheit beschreibt. Doch diese Passagen passen den Autoren nicht in ihr Konzept.
Frau Schimmel hat rhetorisch gewandteren Gesprächspartnern nicht immer geschickt geantwortet; das wird sie selbst auch zugeben. Sie hat berichtet, daß Rushdies Roman gläubige Moslems, die darin eine Gotteslästerung sahen, so tief getroffen hat, daß sie darüber geweint haben, woraus sie aber natürlich nicht den Schluß zieht, deshalb müßten Maßnahmen gegen den Schriftsteller ergriffen werden.
Es war gut, daß sie uns diese uns nicht ohne weiteres verständliche Wirkung beschrieben hat. Die Autoren des offenen Briefes an den Bundespräsidenten scheinen das aber nicht wahrhaben zu wollen. Sie beklagen, daß die Wissenschaftlerin nicht gegen die Menschenrechtsverletzungen an "Musliminnen und Muslimen" protestiert hat - was aber doch nicht Aufgabe einer Orientalistin, sondern der Politik ist.
Die Briefschreiber leben offenbar nicht in dieser Welt, sondern in einer deutschen Provinz, wo sich noch nicht herumgesprochen hat, daß es nicht nur die westliche, sondern auch andere Hochkulturen in der Welt gibt, die sich vor unserer nicht zu verstecken brauchen. Fühlen die deutschen Schriftsteller sich im Besitze der einzigen Wahrheit in der Welt? Und glauben sie in neokolonialistischer Art diesen Hochkulturen vorschreiben zu können, daß sie so denken und glauben müssen wie wir, daß wir ihnen zu sagen haben, wovon Moslems sich betroffen fühlen dürfen?
Samuel Huntingtons These über den "Clash of Civilisations" und die Herausforderung durch den Islam mag überzogen sein, aber wer sich nicht um das Verständnis dieser anderen Kulturen bemüht, ist auf dem besten Weg zu diesem Zusammenprall. Seit Goethe, der den "West-östlichen Diwan" und die "Chinesisch-deutschen Jahreszeiten" schrieb, trugen viele Deutsche Großes zum Verständnis der Geschichte und Kultur des Islams, Indiens, Chinas und Japans bei. Sollen wir uns heute abschließen?
Damals lebten die Kulturen noch weit voneinander entfernt, heute sind sie enge Nachbarn, in Weltkonferenzen treffen ihre Ansichten aufeinander. Der Westen muß sich mit ihnen arrangieren. Das gelingt nicht, wenn wir - auf dem hohen Roß unserer kulturellen und wissenschaftlichen Erfolge sitzend - sie mit unseren Standpunkten konfrontieren, sondern nur im Gespräch und in gemeinsamer Suche nach einer unserem Zusammenleben in dieser Welt gemäßen Wahrheit.
Erst wenn wir diese Kulturen verstehen, können wir mit ihnen ins Gespräch kommen, nicht als Rechthaber, die die ganze Wahrheit gepachtet haben, sondern als gleichberechtigte Diskussionspartner. Erst dann können wir mit Erfolg unsere Auffassungen von Demokratie, Freiheit, Menschenrechten, auf denen wir bestehen sollen, mit Erfolg verteidigen. Denn verstehen heißt nicht billigen oder alles verzeihen. Wir werden jedoch erfolglos bleiben, wenn wir Fundamentalisten mit der gleichen fundamentalistischen Starrheit begegnen und sie vor den Kopf stoßen. Wir sollten vielmehr davon ausgehen, wie der Philosoph Gadamer sagt, daß der andere auch recht haben kann.
Dafür bieten uns die beiden großen christlichen Kirchen ein Beispiel. Sie sind, ohne ihren Glauben aufzugeben, diesen Weg gegangen, der zu der ökumenischen Praxis von heute geführt hat. Eine solche ökumenische kulturelle und weltanschauliche Praxis könnte viele Probleme lösen, über die heute noch auf Weltkonferenzen wie in Peking gestritten wird.