� 44. Einleitendes. Verpflanzung der griechischen Philosophie nach Rom. Die mittlere Stoa.

  • [168] Literatur: �ber diese verh�ltnism��ig noch am wenigsten durchforschte Periode der antiken Philosophie vergleiche, au�er den allgemeinen Darstellungen: E. Zeller, Religion und Philosophie bei den R�mern (Vortr. u. Abh. II, 93-135). Mommsen, R�m. Gesch. II, 421 ff. Teuffel, Gesch. d. r�m. Liter., � 48; besonders aber: Schmekel, Die Philosophie der mittleren Stoa in ihrem geschichtlichen Zusammenhang. Berlin 1892.

Der r�mische Volkscharakter war wohl zur Reflexion, nicht aber zum theoretischen Spekulieren angelegt, vielmehr ganz dem Praktisch-N�tzlichen zugewandt. Selbst die religi�sen Anschauungen erscheinen von diesem N�tzlichkeitsgeiste durchtr�nkt. So haben sich denn, w�hrend r�misches Recht, r�mische Verwaltung, r�misches Heerwesen ein Vorbild f�r Jahrtausende geworden sind, die eigentlich idealen Geistesm�chte: Poesie, bildende Kunst und Philosophie, bei den R�mern nie zu der Bl�te zu entfalten vermocht, die sie in Hellas erreichten. Philosophie insbesondere galt dem R�mer von altem Schrot und Korn – Urtyp der alte Cato – als unn�tzer Wortkram, wenn nicht gar als sitten- und religionsgef�hrlich.[168]

Zu letzterer Ansicht hatte wohl der Umstand nicht wenig beigetragen, da� der erste Vermittler griechischer Philosophenweisheit, der Dichter Ennius (239-169), der auch ein naturphilosophisches Lehrgedicht Epicharm schrieb, gerade den rationalistischen Aufkl�rer Euemerus (� 16) ins Lateinische �bertrug und zwar nicht die G�tter, aber eine g�ttliche Vorsehung leugnete. Den Sokrates erkl�rte Cato f�r einen mit Recht hingerichteten Schw�tzer, und noch in den Jahren 173, 161 und 155 wurden auf sein Betreiben Senatsbeschl�sse gefa�t, durch welche die griechischen Rhetoren und Philosophen – im letzten Falle die mehrerw�hnten drei athenischen Gesandten – aus Rom ausgewiesen wurden. Allein mit dem zunehmenden Verfall des Glaubens und der Sitte der V�ter und mit der Entwicklung des Reiches zum Weltreich konnte man dem Eindringen griechischer Philosophie nicht mehr durch Gewaltma�regeln wehren, zumal da dem, was der gebildete R�mer in erster Linie von der Philosophie zu erlangen w�nschte: Belehrung �ber die sittliche Aufgabe des Menschen und den besten Weg zur Gl�ckseligkeit, daneben theoretische Vorbildung zur �ffentlichen Laufbahn, gerade die Philosophie der hellenistischen Schulen entgegenkam. Griechische Philosophen, wie Pan�tius, kamen nun nach Rom, und noch h�ufiger begab sich die vornehme Jugend auf k�rzere oder l�ngere Zeit nach den Hauptst�tten griechischer Weisheit: Athen, Rhodus und Alexandrien, um die Vortr�ge ber�hmter Rhetoren und Philosophen zu h�ren. Es wurde das bald ebenso als ein Erfordernis h�herer Bildung betrachtet, wie heutzutage etwa der Besuch der Universit�t. Dennoch hat die Philosophie in Rom nie recht heimisch zu werden vermocht. Die Mehrzahl der Philosophen, die wir zu erw�hnen haben werden, sind nicht r�mischer Abstammung, und, die es waren, haben auf diesem Felde nichts Neues, Eigenartiges geleistet, geschweige denn einen wissenschaftlichen Fortschritt gezeitigt, sondern in der Regel nur eine Wiederholung oder Umschreibung des von den Griechen bereits Geleisteten geliefert.

Alle griechischen Philosophenschulen haben allm�hlich Eingang bei den R�mern gefunden. Zun�chst und am meisten diejenige, die der Mannhaftigkeit (virtus) und dem Staatssinn, zugleich aber auch dem Tugendstolz des R�mers und seiner Neigung zur moralischen Kasuistik bezw. juristischen Haarspalterei am weitesten entgegenkam und der r�mischen Volks-und Staatsreligion sich[169] am besten anzupassen wu�te: die sogenannte mittlere Stoa. Sind ihre wichtigsten Vertreter auch noch Griechen von Geburt, so wirken sie doch bereits nicht blo� im r�mischen Reich, sondern haupts�chlich auch auf R�mer. So lebte Pan�tius von Rhodus (um 180-110) lebte mit dem Geschichtsschreiber Polybios zusammen l�ngere Zeit in Rom und gewann dort den j�ngeren Scipio (�milianus) und L�lius nebst ihrem ganzen Kreis f�r die Philosophie. Wie fast alle sp�teren Stoiker, fa�te er die Philosophie rein von der praktischen Seite; auf die theoretischen Schuls�tze legte er keinen besonderen Wert mehr. Neben den H�uptern seiner eigenen Schule h�lt er auch die klassischen Philosophen Demokrit, Plato und Aristoteles hoch und f�hrt sie h�ufig in seinen Schriften an. Durch Milderung stoischer H�rten, z.B. Anerkennung der �u�eren G�ter als zur Gl�ckseligkeit mitwirkend, sowie durch gewandte und geschmackvolle Darstellung wu�te er der von ihm vertretenen Richtung viele Freunde zu erwerben. Folgenreich ward insbesondere die Verbindung der naturrechtlichen Theorie der Stoa mit der positiven Rechtswissenschaft der R�mer. Zur stoischen Lehre bekannten sich so bedeutende Gelehrte und Staatsm�nner des scipionischen Kreises wie Stilo und Q. Sc�vola, die �Begr�nder der wissenschaftlichen Philologie und wissenschaftlichen Jurisprudenz� (Mommsen). Aus der Verschmelzung von stoischer Philosophie und r�mischer Religion entstand eine Art philosophischer Staatsreligion der Gebildeten. H�chstwahrscheinlich von Pan�tius hatte derselbe Sc�vola, der zugleich auch Pontifex Maximus war, seine Lehre von der dreifachen Theologie: der Dichter, Philosophen und Staatsm�nner, entlehnt. Die mythologische Darstellung der ersteren sei unwahr und unw�rdig, die vernunftgem��e der Philosophen zwar wahr, aber f�r die Masse unbrauchbar, die dritte, die den herk�mmlichen Kultus aufrecht h�lt, unentbehrlich. Von den Schriften des Pan�tius ist nichts auf uns gekommen, doch k�nnen wir auf ihren Inhalt schlie�en aus Ciceros drei B�chern De officiis, denen Pan�tius' Schrift �ber das Geziemende (peri tou kath�kontos) zugrunde lag.

In noch st�rkerem Ma�e als sein Lehrer Pan�tius verschmolz Posidonius aus Syrien (um 130-50), der gl�nzende und viel (u. a. auch von Cicero und Pompejus) besuchte Vortr�ge zu Rhodus hielt, platonische, aristotelische und andere fr�here Lehren mit der stoischen.[170]

Neben der Vernunft nahm er auch Gem�t und Begierde als besondere Seelenverm�gen an, aus denen er die Affekte herleitete. Im ganzen erscheint er dogmatischer als sein Vorg�nger. Er galt als der Gelehrteste und Wissenschaftlichste unter den Stoikern. Seine Forschungen und Schriften erstreckten sich auf so ziemlich alle positiven Wissenschaften seiner Zeit: Mathematik, Astronomie, Physik, Geographie, Geschichte und Grammatik, soda� er von Th. Gomperz als der einzige griechische Universalgelehrte nach Aristoteles bezeichnet wird.

Von den durch den Stoizismus beeinflu�ten R�mern der n�chsten und folgenden Generation nennen wir noch den j�ngeren Cato (von Utika), der die stoischen Grunds�tze durch seine Lebensf�hrung und durch seinen Tod (46). bew�hrte, sowie den bekannten Geographen Strabo (58 v. Chr. bis 22. nach Chr.).

Quelle:
Karl Vorl�nder: Geschichte der Philosophie. Band 1, Leipzig 51919, S. 168-171.
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