Astrid Zydower
Astrid Zydower MBE (* 4. August 1930 in Deutsch Krone im Deutschen Reich; † 27. Mai 2005 in London) war eine deutsch-britische Bildhauerin, Radiererin und Zeichnerin.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Astrid Zydower kam 1930 als Kind jüdischer Eltern in einem kleinen Dorf im heutigen Polen zur Welt. Mit dem wachsenden Nationalsozialismus hatte auch ihre Familie unter den Repressalien und Anfeindungen des zunehmenden Antisemitismus zu leiden. 1939 schickten ihre Eltern sie und ihre beiden älteren Geschwister Anita und Manfred mit einem der letzten Kindertransporte nach England. Sie waren die einzigen jüdischen Kinder des Dorfes, die den Zweiten Weltkrieg überlebten. Astrid Zydowers Eltern wurden während des Holocaust deportiert und im KZ Auschwitz ermordet.[1]
Nach ihrer Ankunft in England wurde Astrid Zydower zusammen mit den Geschwistern in Sheffield von der Quäkerin Mrs. Freeman und deren Familie aufgenommen. Da Astrid Zydower anfänglich kein Englisch sprach, hatte sie Schwierigkeiten, dem Schulstoff zu folgen. Stattdessen zeichnete sie lieber und modellierte Figuren aus Plastilin. Ihr künstlerisches Talent wurde von ihrer Pflegemutter gefördert, die sie ermutigte, Kunst zu studieren.[2] Von 1944 bis 1946 besuchte Astrid Zydower mit Hilfe eines Stipendiums das Sheffield College of Art[1] und studierte als Stipendiatin von 1952 bis 1957 Bildhauerei bei Frank Dobson und John Skeaping am Royal College of Art in London. Dort nahm sie auch an den Zeichenkursen von Leon Underwood teil.[3] Astrid Zydower distanzierte sich zunehmend von Religion, auch der jüdischen, da sie zu der Überzeugung gelangte, „dass jede Art von rassistischer oder religiöser Kategorisierung nur jene Vorurteile schüren würde, unter denen sie und ihre Familie gelitten hatten“.[1]
In den folgenden Jahren schuf sie eine Vielzahl von Skulpturen und wurde eine gefragte Bildhauerin, die auch Großskulpturen im Auftrag fertigte. Außerdem unterrichtete sie von 1957 bis 1966 Kunst am Hornsey College of Art.[1] Ihre künstlerische Arbeit brachte sie in Kontakt zu bekannten Persönlichkeiten. Sie war zeitlebens mit Marie Rambert befreundet, die sie bei der Arbeit an einer Büste kennengelernt hatte, und wurde oft zu Premieren eingeladen. Ebenso pflegte sie eine lange Freundschaft mit dem Rolling-Stones-Schlagzeuger Charlie Watts, den sie durch dessen Frau kannte, die Studentin bei ihr war.[1][3] Zu ihren Freunden zählte auch Lincoln Kirstein.[4]
Astrid Zydower lebte viele Jahrzehnte bis zu ihrem Tod in einem weitläufigen viktorianischen Stadthaus in der 32 Willes Road in Kentish Town in Nordlondon.[5] Die zwei vorderen Zimmer waren zu einem geräumigen Atelier umgebaut.[1] Sie starb 2005 in ihrem Haus an einem Herzinfarkt.[1][3] Das Haus wurde kurz nach ihrem Tod von ihrer Familie verkauft.[4]
Werk
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Nach ihrem Studienabschluss wurde Astrid Zydower eine Stelle als Assistentin von Jacob Epstein angeboten, die sie jedoch ablehnen musste, da sie bereits von Richard Buckle mit Werken für die vom Observer gesponserte Filmausstellung 1956 am Trafalgar Square[6] und die Telford Bicentenary Exhibition beauftragt worden war.[3]
Für ihren Beitrag zum britischen Pavillon auf der Expo 67 in Montreal schuf sie 45 überlebensgroße Skulpturen für eine „Reihe von Installationen, die das Thema des Kontrasts zwischen dem traditionellen und dem modernen Großbritannien verdeutlichten“, darunter die Darstellung einer typisch britischen Familie im Salon, Figuren beim Gärtnern und beim Autowaschen. „Die offensichtlichen Klischees wurden durch Gardners Anordnung der Figuren und den erklärenden Text geschickt untergraben“.[7][8] Für dieses Werk wurde sie im Buckingham Palace durch Queen Elisabeth II. mit dem Member of the Order of the British Empire (MBE) ausgezeichnet.[1]
Zwischen 1980 und 1984 schuf sie als ihr größtes Werk die 3,6 Meter hohe Bronzestatue Orpheus mit Leopard für die Terrasse von Harewood House in Yorkshire.[1][3] Nachdem Astrid Zydower ab Anfang der 2000er Jahre die Bildhauerei körperlich zu anstrengend geworden war, wandte sie sich der Radierung zu. Sie wählte Themen aus der griechischen Mythologie und zeichnete männliche und weibliche Akte.[1]
Werke von Astrid Zydower befinden sich unter anderem im Victoria and Albert Museum[9] und in der National Portrait Gallery in London.[10] Ihre lebensgroße Krippenszene wird seit 1989 während der Weihnachtsfeierlichkeiten in der Kathedrale von Lincoln ausgestellt.[2]
Skulpturen und Werke (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1956: Gestaltung und Dekoration der Eingangshalle für die Observer Film Exhibition, Trafalgar Square, London[6]
- 1958: elf Büsten englischer Literaten für die Weltausstellung Brüssel 1958
- 1964/1967: Porträtbüsten für die Shakespeare-Ausstellung im Londoner Alexandra Palace und das Stratford Shakespearean Festival, Stratford, Ontario
- 1967: 45 überlebensgroße Figuren, Britischer Pavillon auf der Expo 67, Montreal
- 1968: Figur von Lord Mountbatten als Vizekönig von Indien
- Gedenkbronze Winston Churchill für den Sultan von Brunei
- 1970/1971: Bronzebüste Marie Rambert für die National Portrait Gallery, London
- 1970: Werke für die Expo ’70, Osaka
- 1975–1977: Geburt Christi. Lebensgroßes Krippenensemble für die St Paul’s Cathedral, London; seit 1989 in der Lincoln Cathedral, Lincoln[2]
- 1976: A Tragedy of Fashion. Kleine Figurengruppe aus A Tragedy of Fashion, or the Scarlet Scissors für Marie Rambert[9]
- 1977: Minjan, Personengruppe. ANU – Museum des Jüdischen Volkes, Tel Aviv
- 1980–1984: 3,6 Meter hohe Bronzestatue Orpheus mit Leopard für die Terrasse von Harewood House, Yorkshire
- Juno, Bronzeskulptur, Harewood House[2]
- 1989–1995: Kyparissos und sein Hirsch für Mick Jagger
- 1997: Odysseus und sein Hund Argos für Charlie Watts[1][3]
- Geburt Christi, Ansicht Ankunft der Heiligen Drei Könige, Kathedrale von Lincoln
- Geburt Christi, Ansicht Maria mit dem Kind, Kathedrale von Lincoln
- Geburt Christi, Detail Maria mit dem Kind, Kathedrale von Lincoln
- Minjan, ANU – Museum des Jüdischen Volkes
- Marie Rambert, National Portrait Gallery
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Madeleine Harmsworth: Astrid Zydower. In: The Independent vom 6. Dezember 2005. Abgerufen am 12. April 2026
- 1 2 3 4 The Nativity by Astrid Zydower. In: Lincoln Cathedral. Abgerufen am 14. April 2026
- 1 2 3 4 5 6 Alan Windsor (Hrsg.): British Sculptors of the Twentieth Century. Ashgate Publishing, Burlington 2003 (eingeschränkte Buchvorschau ohne Seitenzahl)
- 1 2 Roy Strong: November. Farewell Astrid. In: Types and Shadows Diaries 2004 –2015. Orion 2020, ISBN 978-1-47461-735-2 (eingeschränkte Buchvorschau ohne Seitenzahl)
- ↑ Morgan Goldberg: This Stylish London Kitchen Honors the Spirited Sculptor Who Once Lived There. In: Architectural Digest vom 31. Mai 2021. Abgerufen am 14. April 2026
- 1 2 Sixty Years of Cinema. In: Blackfriars. Band 37, Nr. 436–437, Juli–August 1956, S. 321
- ↑ Expo 67 Britain Today by James Gardner. In: VADS collection, University for the Creative Arts. Abgerufen am 14. April 2026
- ↑ Expo ‘67, Montreal, 28 April – 29 October 1967. In: Lisa Tickner: London's New Scene. Art and Culture in the 1960s. Paul Mellon Centre for Studies in British Art, 2020, ISBN 978-1-91310-710-9, S. 222–226 (eingeschränkte Buchvorschau)
- 1 2 A Tragedy of Fashion. In: Victoria and Albert Museum. Abgerufen am 13. April 2026
- ↑ Marie Rambert. In: National Portrait Gallery London. Abgerufen am 14. April 2026
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Zydower, Astrid |
| ALTERNATIVNAMEN | Zidower, Astrid |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsch-britische Bildhauerin |
| GEBURTSDATUM | 4. August 1930 |
| GEBURTSORT | Deutsches Reich |
| STERBEDATUM | 27. Mai 2005 |
| STERBEORT | London |