Decimus Valerius Asiaticus
Decimus Valerius Asiaticus (* um 5 v. Chr.; † 47 n. Chr.) war ein römischer Politiker und Senator.
Valerius Asiaticus stammte aus Vienna in der Gallia Narbonensis[1] und gehörte einer der führenden Familien der allobrogischen Oberschicht an. Er war damit einer jener Provinzialaristokraten, denen unter den julisch-claudischen Kaisern der Aufstieg bis in die höchste römische Führungsschicht gelang. Bereits seine Herkunft machte ihn zu einer außergewöhnlichen Figur: Als erster Mann aus der Gallia Narbonensis erreichte er das Konsulat.
Über seine frühe Laufbahn ist wenig bekannt. Tacitus berichtet lediglich, dass Lucius Vitellius ihn bei Kaiser Claudius wegen seiner öffentlichen Ämter und seiner militärischen Leistungen in Britannien empfahl.[2] Asiaticus begleitete Claudius während des Britannienfeldzuges im Jahr 43. Sein erstes Konsulat bekleidete er bereits im Jahr 35 als Suffektkonsul gemeinsam mit Aulus Gabinius Secundus. Im Jahr 46 erreichte er ein zweites, diesmal ordentliches Konsulat zusammen mit Marcus Iunius Silanus. Dass ein Provinzial aus Gallien zweimal Konsul wurde, zeigt seinen außergewöhnlichen politischen Einfluss.
Allerdings legte Asiaticus dieses zweite Konsulat schon nach wenigen Monaten nieder. Offiziell geschah dies aus gesundheitlichen Gründen; Tacitus erwähnt, er habe sich übermäßig athletischen Übungen hingegeben.[3] Laut Cassius Dio wollte Claudius wohl tatsächlich den Neid vermeiden und die Gefahr für Asiaticus mindern.[4]
Unter Caligula gehörte Asiaticus zunächst zu den engsten Freunden des Kaisers.[5] Seine Ehefrau war Lollia Saturnina, die Schwester von Lollia Paulina. Bei einem öffentlichen Gelage beleidigte Caligula Asiaticus, als er ihm lautstark Vorwürfe über das Verhalten seiner Frau im Bett machte.[6] Er beklagte nach dem Mord öffentlich auf der Rednertribüne, dass Caligula nicht von seiner eigenen Hand mit dem Schwert durchbohrt worden sei,[7] oder er sprach in Gegenwart der Prätorianergarde übermütige Worte: „Hätte ich ihn doch selbst getötet!“[8] Einige hielten Asiaticus sogar für einen möglichen Anwärter auf die Herrschaft. Doch Lucius Annius Vinicianus widersetzte sich ihm und wurde deshalb selbst zu den Verschwörern gezählt.[9]
Auch mit Claudius war Asiaticus vertraut. Im Jahr 43 scheint er zu den Begleitern des Claudius auf dem Britannienfeldzug gehört zu haben, weshalb er – falls dies zutrifft – von Claudius die ornamenta triumphalia erhalten haben dürfte.[10] Drei Jahre später trat er sein zweites Konsulat an, legte dieses Amt aber, wie oben erwähnt, nieder, was Cassius Dio als etwas höchst Ungewöhnliches deutet.[11]
Prozess und Tod
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Jahr 47 hielt sich Asiaticus in Baiae beim Prätorianerpräfekten Rufrius Crispinus auf, als Claudius Soldaten gegen ihn entsandte, die ihn beinahe wie im Krieg überraschten, festnahmen und gefesselt nach Rom brachten.[12] Die von Tacitus genannten Gründe stimmen eher mit den allgemeinen Zuständen am Hof des Claudius überein:[13] dessen Frau Valeria Messalina war eifersüchtig auf Poppaea Sabina, die man beschuldigte, mit Asiaticus Ehebruch zu treiben; seine Gärten, einst von Lucullus angelegt und von ihm mit großem Aufwand verschönert, wurden begehrt.[14] Poppaea wurde ins Gefängnis geschleppt und bald darauf, ohne dass Claudius davon wusste, zum Selbstmord gezwungen.[15]
Gegen Asiaticus hetzte Publius Suillius Rufus als Ankläger, unterstützt von Sosibius, dem Erzieher des Britannicus, der unter dem Vorwand der Loyalität Claudius warnte, Gewalt und Untätigkeit seien für Herrscher gefährlich; besonders drängte er darauf, Asiaticus zu töten, damit nicht ein Mann mit Verbindungen zum Kaiserhaus nach der Herrschaft greife.[16] Außerdem besaß Asiaticus beim Stadtvolk Ansehen und konnte in seiner Heimat Gallia Narbonensis durch zahlreiche und mächtige Verwandtschaften leicht die dortigen Völker zum Aufstand bewegen. Dem Suillius wurde Bestechlichkeit vorgeworfen, ohne Zweifel durch Tribunen der Prätorianer, sowie Geldgier und Unzucht.[17] Das Verfahren fand nicht im Senat wie gewöhnlich statt, sondern im Palast des Kaisers in Gegenwart der Messalina. Als Asiaticus sich verteidigte, rührte er Claudius zu Tränen, der schon an Freispruch dachte; doch Messalina verhinderte dies. Vitellius, der unter dem Schein langer Freundschaft mit Asiaticus den Freispruch nicht zuließ, erreichte immerhin, dass ihm die Wahl des Todes gelassen wurde, was Claudius gestattete; so berichten die Worte des Claudius in derselben Milde.[18]
Offenbar beruhte der Zorn des Claudius auf mehr als bloßen Verleumdungen oder der Leichtgläubigkeit des Kaisers, wie Tacitus nahelegt. Vielmehr scheint eine schwere persönliche Kränkung oder eine uns unbekannte, politisch gefährliche Handlung den Ausschlag gegeben zu haben. Darauf weisen auch moderne Historiker wie Rudolf Weynand[19] und Barbara Levick[20] hin, die die mögliche Bedrohung für Claudius betonen. Die Äußerungen des Kaisers lassen vermuten, dass er in Asiaticus einen Rivalen sah, der nach etwas griff, das für ihn von höchster Bedeutung war – nach der Herrschaft, nach der Kaiserin oder möglicherweise nach beidem zugleich. Vielleicht ist der von Tacitus dramatisch ausgeschmückte Fall deshalb mit den Ereignissen des Jahres 48 um Messalina und den designierten Konsul Gaius Silius vergleichbar.[21]
Nachdem Asiaticus im kaiserlichen Palast verurteilt worden war, zog er sich in seinen Gärten des Lucullus zurück und öffnete sich dort die Adern. Zuvor ließ er jedoch den Platz seines Scheiterhaufens prüfen und an eine andere Stelle verlegen, damit der Rauch des Feuers die Baumgruppen der Gärten nicht beschädigte.[22]
Vermögen und Familie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Asiaticus galt als einer der reichsten Männer seiner Zeit.[23] Neben den berühmten Gärten des Lucullus besaß er vermutlich eine Villa bei Baiae sowie umfangreiche Güter in Ägypten, die aus Papyri bekannt sind. Nach seinem Tod wurden große Teile seines Besitzes eingezogen und an Vertraute des Kaiserhauses verteilt.
Seine Familie blieb dennoch weiterhin bedeutend. Sein Sohn scheint Decimus Valerius Asiaticus, designierter Konsul des Jahres 69, gewesen zu sein; sowie der Enkel Marcus Lollius Paulinus Decimus Valerius Asiaticus Saturninus, dem der mütterliche Name der Großmutter Lollia Saturnina hinzugefügt wurde. Zu seinen Nachkommen gehörte schließlich auch Decimus Valerius Taurus Asiaticus Catullus Messalinus.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rudolf Weynand: Valerius 106. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band VII A,2, Stuttgart 1948, Sp. 2341–2345.
- Prosopographia Imperii Romani (PIR). 2. Auflage. V 44.
- Barbara Levick: Claudius, Yale University Press, 1990.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Tacitus, Annalen 11,1,2.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,3,1.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,3.
- ↑ Cassius Dio, Römische Geschichte 27,1–3.
- ↑ Seneca, De constantia sapientis 2,18,2; Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 19,1,2.
- ↑ Seneca, De Constantia sapientis 18,2.
- ↑ Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 19,159.
- ↑ Cassius Dio, Römische Geschichte 59,30,2.
- ↑ Flavius Josephus, Jüdische Altertümer 19,252.
- ↑ vgl. Cassius Dio, Römische Geschichte 60,23,2.
- ↑ vgl. Cassius Dio, Römische Geschichte 60,27,1ff.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,1,3.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,1,1–3.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,1,1.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,2,2; 13,43,2.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,1,1–2.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,2,1.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,2 sq.
- ↑ Rudolf Weynand, RE 7 A, 2, 1948, 2345 s. v. Valerius 106.
- ↑ Barbara Levick, Claudius S. 62–63.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,26 sqq.
- ↑ Tacitus, Annalen 11,3,2.
- ↑ Cassius Dio, Römische Geschichte 60,27,2f.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Valerius Asiaticus, Decimus |
| ALTERNATIVNAMEN | Asiaticus, Decimus Valerius |
| KURZBESCHREIBUNG | römischer Konsul 35 und 46 |
| GEBURTSDATUM | um 5 v. Chr. |
| GEBURTSORT | Vienna, Gallia Narbonensis |
| STERBEDATUM | 47 |