Paolo Mercuri


Paolo Baldassarre Mercuri (* 20. Dezember 1804 in Rom; † 30. April 1884 in Bukarest) war ein in Rom und Paris tätiger italienischer Kupferstecher und Illustrator. Bekannt wurde er durch seine Gabe, die malerische Wirkung eines Gemäldes gekonnt in das Medium der Grafik zu übertragen. Für sein Hauptwerk, die Illustration einer mehrbändigen Kostümkunde, studierte er authentische Vorlagen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert. Das Werk wurde durch seine Präzision und Systematik zu einer wichtigen Bildquelle für historische Darstellungen und Theateraufführungen. Mit 43 Jahren an die Spitze der päpstlichen Calcografia Camerale berufen, konzentrierte sich Mercuri fortan auf den Ausbau des Bestands sowie auf die Konservierung und Restaurierung der vorhandenen Druckplatten.
Biografie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Paolo war der Sohn des Landwirts Vincenzo Mercuri und seiner Ehefrau Barbara, geborene Battaglia. Wenige Jahre nach seiner Geburt, während der französischen Besetzung des Kirchenstaates, war der Vater gezwungen, den Hof zu verkaufen. In Marino pachtete er einen Weinberg und die Familie lebte im verlassenen Augustinerkloster. Das künstlerische Talent des Jungen zeigte sich erstmals beim Skizzieren einiger der antiken Kunstwerke, die die Mönche zurückgelassen hatten.[1]
Nach dem Tod seiner Mutter 1816 wohnte Mercuri im heutigen Complesso Monumentale di San Michele a Ripa Grande, wo Francesco Giangiacomo die „Römische Schule für Zeichnung und Malerei“ (Scuola romana di disegno e pittura) leitete. Dort studierte er bis 1825 bei den Kupferstechern Antonio Ricciani und Domenico Marchetti. Zusammen mit seinem späteren engen Freund Luigi Calamatta besuchte er ab 1819 zudem die Accademia di San Luca, wo Tommaso Minardi Zeichenkurse gab, und wurde dort 1820 für einen Verdienstpreis nominiert. Grundlegend für seine Karriere wurde die Berührung mit den Vatikanischen Fresken Raffaels, die er unter Anleitung von Giangiacomo grafisch reproduzierte.[2][3][1]
Calamatta, der 1822 nach Paris gezogen war, vermittelte Mercuri die ersten Aufträge. Der französische Schriftsteller und Sammler Félix-Sébastien Feuillet de Conches, der sich zur Besichtigung in Italien aufhielt, orderte bei ihm einige Illustrationen für La Fontaines Fabeln. Das geplante Buch wurde nie veröffentlicht, doch die Zeichnungen sind heute Teil der Sammlung des Musée Jean de La Fontaine in Château-Thierry. Ein Porträt von Niccolò Machiavelli wurde später Teil einer Sammlung von Bildnissen berühmter Männer.[2]

Obwohl Mercuri Angebote aus London und Madrid erhielt, entschied er sich, in Rom zu bleiben. 1829 beauftragte ihn der französische Verleger Camille Bonnard mit der Darstellung von zweihundert italienischen Kostümen und Uniformen des Mittelalters und der Renaissance. 1830 ging er nach Paris, um das Projekt abzuschließen, beschloss, sich dort niederzulassen, teilte sich ein Atelier mit Calamatta und blieb bis 1848. In dieser Zeit schuf er zahlreiche Werke, die meisten davon im Auftrag. Für das Bildnis der heiligen Amelia wurde er 1838 auf dem Salon de Paris mit der Goldmedaille erster Klasse ausgezeichnet. Im Auftrag des Souveräns Louis-Philippe I. leitete er in Zusammenarbeit mit Calamatta die Sammlung von Zeichnungen und Stichen der Galerie von Versailles und fertigte auch einige Zeichnungen antiker Statuen an.[1][2]
1847 ernannte ihn Papst Pius IX. auf Empfehlung seines ehemaligen Lehrers Minardi zum Leiter der Calcografia Camerale und zum Meister der Kupferstichkunst an der Schule des Hospizes San Michele.[2] Im folgenden Jahr kehrte er nach Rom zurück und trat seine Ämter an. 1850 heiratete er die aus einer alten Adelsfamilie stammende Anna Maria Cenci. Das Paar hatte drei Kinder, von denen jedoch nur eines, ihre Tochter Enrichetta, das Säuglingsalter überlebte. Sie heiratete 1877 einen rumänischen Anwalt und zog nach Bukarest.[1]

Während seiner langen Amtszeit an der Chalkographie erweiterte Mercuri den Bestand an Druckplatten, vor allem durch die Förderung der internen Tätigkeit. Zu seinem bekanntesten Projekt wurden die neuen Stiche nach den Raffael-Fresken, da diejenigen von Raffaello Morghen und Giovanni Volpato durch zahlreiche Abzüge stark abgenutzt waren. Zu nennen sind weiterhin eine Ausgabe des Missale Romanum, die Bildprogramme der Cappella Niccolina und der Sixtinischen Kapelle, die Stichfolge nach Gemälden der Vatikanischen Pinakothek (Pitture della Galleria Vaticana) und eine Neuauflage von Giacomo Barozzi da Vignolas „Regeln der fünf Ordnungen der Architektur“ (I cinque ordini di architettura civile, 1861[4]). Um die wertvollen Platten zu konservieren und zu restaurieren, erstellte Mercuri Richtlinien zu ihrer Aufbewahrung und ließ unbrauchbare Exemplare nachstechen. Ab 1872 stand ihm Tommaso Aloisio Juvara als Co-Direktor zur Seite. Drei Jahre später wurde eigens für ihn das weitgehend ehrenamtliche Amt des Präsidenten geschaffen.[2]
Mercuri trat 1881 zurück, zog zu seiner Tochter nach Bukarest und starb dort 1884 im Alter von 79 Jahren. Sein Leichnam wurde auf dem Campo Verano in Rom beigesetzt.[2] Sein Nachruf erschien am 8. Juni 1884 in der Wochenzeitschrift L’Illustrazione Italiana.[5] In Rom und Marino wurden Straßen nach ihm benannt, und seit 1921 gibt es in Marino das „Staatliche Kunstinstitut Paolo Mercuri“ (Istituto statale d’arte Paolo Mercuri).
Werk
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Während seiner Ausbildungsjahre schuf Mercuri Stiche mit Darstellungen der Mater Dolorosa, der Himmelfahrt Mariens und der Heiligen Eligius, Firmina und Josef. Im Jahr 1824 stach er das Porträt des Franziskaners Johannes Capistranus (eigene Überarbeitung 1874). Aus seinem frühen Schaffen sind zudem einige Gemälde überliefert: Christus übergibt dem hl. Petrus die Schlüssel, eine Madonna in der Glorie mit dem hl. Benedikt und der hl. Scholastika und das Heiligste Herz Jesu für die Kirche S. Germano in Terra di Lavoro sowie ein Heiliger Philipp Neri, ein Heiliger Luigi Gonzaga und ein Toter Christus (1822) für die Kirche des Hospizes San Michele.[2]
Für die Costumes historiques des XIIe, XIIIe, XIVe siècles ließ er sich von der Malerei der Renaissance, insbesondere Gentile Bellinis und Vittore Carpaccio inspirieren.[2] Die erste französische Ausgabe erschien 1829–1830 bei Treuttel & Würtz in Paris.[6] Die drei Jahrzehnte später von A. Lévy editierte Standardausgabe[7] umfasst drei Bände, enthält kolorierte Radierungen von Mercuri und erläuternde Begleittexte von Bonnard.
- Verlobung (13. Jahrhundert)
- Karl von Anjou (13. Jahrhundert)
- Französischer Ritter (13. Jahrhundert)
- Venezianische Adlige (13. Jahrhundert)
- Italienischer Bogenschütze (14. Jahrhundert)
- Mailänder Adliger (14. Jahrhundert)
- Gondoliere (14. Jahrhundert)
- Französische Dame (15. Jahrhundert)
Während seiner Zeit in Paris fertigte Mercuri v. a. im Auftrag des Verlegers Adolphe Goupil Stiche nach zeitgenössischen Gemälden an, sowie Porträts für Francesco Salviucci und Ambroise Firmin Didot. Im Folgenden eine Auswahl:
- Die Schnitter in den Pontinischen Sümpfen (1831), nach einem Gemälde von Léopold Robert
- Die heilige Amelia von Ungarn (1837), nach einem Gemälde von Paul Delaroche
- Die Hinrichtung der Lady Jane Grey (Auftrag 1835, Fertigstellung 1858), nach einem Gemälde von Paul Delaroche
- Porträt von Torquato Tasso (1841)
- Porträt von Christoph Kolumbus (1843)
- Porträt der Madame de Maintenon (1845), nach einer Miniatur von Jean Petitot (um 1685)
- Porträt des Marquis de Condorcet (1846)
- Die Schnitter in den Pontinischen Sümpfen
- Die heilige Amelia von Ungarn
- Die Hinrichtung der Lady Jane Grey
- Torquato Tasso
- Madame de Maintenon
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Antonia Lucarelli: Memorie Marinesi. Biblioteca G. Torquati, Marino 1997 (italienisch).
- Emilia Capparelli: Mercuri, Paolo. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 73: Meda–Messadaglia. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2009.
- Ignazio Ciampi: Vita di Paolo Mercuri, incisore. 2. Auflage. Vincenzo Salviucci, Roma 1879 (italienisch, archive.org).
- Mercuri, Paolo. In: Hans Vollmer (Hrsg.): Allgemeines Lexikon der Bildenden Künstler von der Antike bis zur Gegenwart. Begründet von Ulrich Thieme und Felix Becker. Band 24: Mandere–Möhl. E. A. Seemann, Leipzig 1930, S. 410 (Textarchiv – Internet Archive).
- Henri Béraldi: Les graveurs du XIXe siècle. Guide de l’amateur d’estampes modernes. Band 10. L. Conquet, Paris 1890, S. 27–33 (französisch, bnf.fr).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Camille Bonnard/Paul Mercuri: Costumes historiques des XIIe, XIIIe, XIVe et XVe siècles, tirés des monuments les plus authentiques de peinture et de sculpture dessinés et gravés par Paul Mercuri / avec un texte historique et descriptif par Camille Bonnard. Neue Ausgabe, 3 Bände, Paris 1859–1862.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 3 4 Antonia Lucarelli: „Paolo Mercuri“. In: Memorie Marinesi. 1997, S. 107 f.
- 1 2 3 4 5 6 7 8 Emilia Capparelli: Mercuri, Paolo. In: Mario Caravale (Hrsg.): Dizionario Biografico degli Italiani (DBI). Band 73: Meda–Messadaglia. Istituto della Enciclopedia Italiana, Rom 2009.
- ↑ Susanna Partsch: Giangiacomo, Francesco. In: Allgemeines Künstlerlexikon. Die Bildenden Künstler aller Zeiten und Völker (AKL). Band 53, Saur, München u. a. 2007, ISBN 978-3-598-22793-6, S. 210.
- ↑ I cinque ordini di architettura civile. In: Heidelberger historische Bestände – digital. Abgerufen am 24. April 2026.
- ↑ S. Gribon: Paolo Mercuri. In: Digitale Bibliothek der Biblioteca nazionale centrale di Roma. Abgerufen am 25. April 2026 (italienisch).
- ↑ Costumes historiques des XIIe, XIIIe, XIVe et XVe siècles. 2 Bände, 1829–1830. In: BnF Gallica. Abgerufen am 25. April 2026.
- ↑ Costumes historiques des XIIe, XIIIe, XIVe et XVe siècles. 3 Bände, 1859–1862. In: BnF Gallica. Abgerufen am 25. April 2026.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Mercuri, Paolo |
| ALTERNATIVNAMEN | Mercuri, Paolo Baldassarre (vollständiger Name) |
| KURZBESCHREIBUNG | italienischer Kupferstecher und Illustrator |
| GEBURTSDATUM | 20. Dezember 1804 |
| GEBURTSORT | Rom |
| STERBEDATUM | 30. April 1884 |
| STERBEORT | Bukarest |