Herr Professor Konersmann, Populismus, Digitalisierung, Globalisierung – vielen Menschen kommt die Gesellschaft heute aufgeregter und gereizter vor denn je. Können Sie erklären, wie es dazu gekommen ist?
Als Philosoph versuche ich zunächst zu ergründen, weshalb uns diese Unruhephänomene derart bedrängen und wir uns von ihnen offenbar kaum noch distanzieren können. Dazu gehört auch die Erwartung an uns selbst, ständig aktiv, unterwegs und empfangsbereit sein zu müssen. Ebenso die Erfahrung, dass es uns mittlerweile ungemein schwerfällt, gelassen zu bleiben – oder wie der Philosoph Blaise Pascal sagt: allein in unserem Zimmer. Da taucht natürlich die Frage auf, ob es womöglich tiefer liegende, kulturelle Ursachen dafür gibt.
Zu welchem Schluss sind Sie gekommen?
Permanente Unruhe ist heute mehr denn je ein Elementargefühl für viele Menschen – sie ist derart tief in unserer Kultur verankert, dass wir gar nicht auf die Idee kommen, sie infrage zu stellen. Wir sehnen uns nach Abwechslung und versprechen uns alles Mögliche von der Veränderung an sich. Andererseits sind unsere Glücksvorstellungen noch immer mit Vorstellungen der Ruhe und Gelassenheit verbunden.
Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?
Die Zweideutigkeit der Unruhe hat eine lange Vorgeschichte. Eine wichtige Rolle spielen zwei Erzählungen aus dem Alten Testament, in denen die Unruhe als Strafe Gottes dargestellt ist: Das erste Buch Mose erzählt zum einen von der Vertreibung des Urpaares aus dem Paradies, also von der Vertreibung aus himmlischer Ruhe.
Und dann kommt, als endgültige Verstoßung in die Unruhe, der Auftritt des Brudermörders Kain, den Gott verflucht: "Rastlos und ruhelos wirst Du auf der Erde sein." Damit war das Paradies, die verlorene paradiesische Ruhe, zu einem Sehnsuchtsmotiv geworden, das uns daran erinnert, dass das Glück in der Ruhe liegt.

