Josef Duchač

Josef Duchač (* 19. Februar 1938 in Bad Schlag bei Gablonz an der Neiße, Tschechoslowakei, heute Tschechien; † 23. Oktober 2026)[1] war ein deutscher Politiker (DDR-CDU, ab 1990 CDU). Von 1990 bis 1992 war er der erste Ministerpräsident Thüringens nach der deutschen Wiedervereinigung.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Herkunft, Ausbildung und Beruf
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Josef Duchač wurde als Sohn einer deutschböhmischen Arbeiterfamilie geboren und wuchs im Sudetenland auf. Er war römisch-katholisch.[2] Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde seine Familie aus der Tschechoslowakei vertrieben und fand in Gotha eine neue Heimat. Nach dem Abitur im Jahre 1957 begann Josef Duchač ein Studium der Chemie und der Mathematik am Pädagogischen Institut Mühlhausen. Nach einem Jahr brach er das Studium ab, arbeitete zunächst im Postzeitungsvertrieb, dann von 1959 bis 1961 als Arbeiter im VEB Gummiwerke in Waltershausen. 1961 nahm er an der Ingenieurschule für Gummi- und Plasttechnologie in Fürstenwalde/Spree erneut ein Studium auf, das er 1964 mit dem Examen als Chemieingenieur abschloss.
1964 wurde er Schichtingenieur im VEB Gummiwerke in Waltershausen. Duchač durchlief hier bis 1986 eine Karriere bis zum Betriebsleiter. Berufsbegleitend absolvierte er ein Fernstudium an der TU Dresden und der TH Leuna-Merseburg und legte 1973 sein Examen als Diplomingenieur-Ökonom ab.
CDU-Funktionär in der DDR
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Duchač trat nach eigenen Angaben 1957[3] in die CDU der DDR ein. Abweichend wird sein Parteieintritt auch auf 1959[4] oder 1961[2] datiert.
Von 1986 bis 1989 war er stellvertretender Kreisvorsitzender der CDU in Gotha, wechselte vom VEB Gummiwerke in Waltershausen in den Rat des Kreises Gotha, wo er für das Ressort Wohnungswirtschaft zuständig war. Nachdem 1989, in den Turbulenzen der Wendezeit, die von der SED eingesetzte Betriebsführung des VEB Gummiwerke in Waltershausen abgelöst worden war, kehrte Duchač an seinen alten Arbeitsplatz zurück und übernahm für ein halbes Jahr wieder die Leitung des Werkes. Er engagierte sich zunehmend in der Politik, stieg im Oktober 1989 zum Kreisvorsitzenden der CDU in Gotha auf und wurde im Dezember 1989 Mitglied des Vorstands der CDU der DDR.
Am 11. Juni 1990 ernannte der letzte DDR-Ministerpräsident Lothar de Maizière (CDU) Duchač zum Regierungsbevollmächtigten im Bezirk Erfurt. Als mit dem Ländereinführungsgesetz vom 22. Juli 1990 das Land Thüringen wieder errichtet wurde (Geschichte der Verwaltungsgliederung Thüringens), wurde Duchač am 24. August 1990 zum Landessprecher für dieses neu zu bildende Land ernannt.[5] Ab dem 3. Oktober 1990 fungierte er als Landesbevollmächtigter des Landes Thüringen, das sich am 3. Oktober 1990 neu konstituierte. Er war damit der einzige der fünf Landesbevollmächtigten, der im Anschluss Ministerpräsident wurde.
Thüringer Ministerpräsident
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Auf dem Landesparteitag der CDU Thüringen, auf dem zugleich die Landesliste für die anstehende Landtagswahlen am 14. Oktober 1990 aufgestellt wurde, gelang im August 1990 überraschend Willibald Böck statt des favorisierten Duchač die Wahl zum Landesvorsitzenden, womit er zugleich als Anwärter für das Amt des Thüringer Ministerpräsidenten galt. Auf Druck des Landesvorstandes musste Böck jedoch wenige Tage später zugunsten Duchačs auf die Spitzenkandidatur verzichten.[6] Aus der ersten freien, demokratischen Wahl zum Thüringer Landtag ging die CDU mit Josef Duchač als Spitzenkandidat mit 45,5 Prozent als die mit Abstand stärkste Partei (44 der 89 Sitze) hervor, gefolgt von der SPD mit 22,8 Prozent (21 Sitze), der PDS mit 9,7 Prozent (neun Sitze), der FDP mit 9,3 Prozent (neun Sitze) und Bündnis 90/Die Grünen mit 6,5 Prozent (sechs Sitze). Am 8. November 1990 wurde Josef Duchač zum Ministerpräsidenten einer CDU-FDP-Koalitionsregierung gewählt und bildete das Kabinett Duchač.
Duchač und sein Kabinett standen vor der Aufgabe, das Land Thüringen in die Bedingungen von parlamentarischer Demokratie und Marktwirtschaft zu überführen und dazu einen völlig neuen Regierungs- und Behördenapparat aufzubauen. Als Erfolge seiner Amtszeit werden die Ansiedlung von Opel Eisenach, die Verpflichtung des ehemaligen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Lothar Späth als Geschäftsführer der Jenoptik und der Anstoß für den späteren Umzug des Bundesarbeitsgerichtes nach Erfurt genannt.[2]
Ab Mitte 1991 verschlechterte sich die Machtbasis Duchačs. Nach dem Rücktritt seines Amtskollegen Gerd Gies im benachbarten Sachsen-Anhalt veröffentlichte Der Spiegel im Juli 1991 einen Artikel, in dem auch Duchačs DDR-Vergangenheit in Frage gestellt wurde.[7] Bei einer Klausurtagung der CDU-Landtagsfraktion im „Haus Hainstein“ bei Eisenach konnte er im Oktober 1991 seinen Plan, den bisherigen Innenminister Willibald Böck zum Fraktionsvorsitzenden zu machen, nicht durchsetzen.[8] Mehrere Medien berichteten, Duchač, der zu DDR-Zeiten als Laienschauspieler und Folklorekünstler aktiv gewesen war, sei in der Rolle des „Clown Ferdinand“ auch in einem Ferienheim des MfS in Friedrichroda aufgetreten. In einer Rede vor dem Landtag gab er an, er sei dort einige Male mit einem Volksmusikensemble aufgetreten und habe später Hausverbot erhalten.[9] Obwohl er sich Mitte Dezember 1991 in einer Rede auf dem CDU-Bundesparteitag zu erklären versuchte und am 18. Dezember 1991 einen Misstrauensantrag der oppositionellen SPD im Thüringer Landtag mit 49 gegen 35 Stimmen überstand[10], galt er einem Großteil seiner Partei als nicht mehr tragbar.
Schließlich nutzten die Kabinettsmitglieder Christine Lieberknecht, Jochen Lengemann und Klaus Zeh am 23. Januar 1992 die Abwesenheit des Ministerpräsidenten auf der Grünen Woche in Berlin, um ihre Rücktritte einzureichen. Duchač fuhr eilig zu einer Sondersitzung der Landtagsfraktion nach Erfurt zurück, bei der ihm in geheimer Abstimmung nur 15 Abgeordnete (bei 25 Gegenstimmen und zwei Enthaltungen) das Vertrauen aussprachen. Daraufhin unterzeichnete er noch am selben Abend seine Rücktrittsurkunde.[11]
Zum neuen Thüringer Ministerpräsidenten wurde am 5. Februar 1992 Bernhard Vogel gewählt. Am 30. November 1992 legte Duchač auch sein Landtagsmandat nieder.
Nach der Politik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nach dem Ende seiner politischen Karriere in Thüringen übernahm Duchač die Leitung verschiedener Auslandsvertretungen der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung, zuerst in Lissabon (Portugal), später in St. Petersburg (Russland) und Budapest (Ungarn).
Duchač lebte im Ruhestand in Birkenwerder. Nach einem Ende 2019/Anfang 2020 erlittenen Schlaganfall war er erblindet.[12][13] Duchač starb am 23. Oktober 2026 im Alter von 88 Jahren.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Interview in: Holger Zürch (Hrsg.): Mit freiem Volk auf freiem Grunde. 15 Jahre Thüringer Landtag im Rückblick einstiger Abgeordneter aus den Gründerjahren im Freistaat Thüringen. Selbstpublikation durch Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2006, ISBN 3-939404-01-2, S. 51–63. – Das Interview mit Josef Duchač ist auch online zu finden bei Qucosa ab Seite 24 in der kostenlosen E-Book-Version dieses Buches.
- Gespräch in: Holger Zürch: Thüringens Gründerjahre. Gespräche mit Thüringer Abgeordneten über ihre Zeit im Landtag zwischen 1990 und 1999. Erfurt 2004, ISBN 3-931426-85-8 (= Band 20 der Reihe Thüringen gestern & heute, herausgegeben von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen)
- Duchac, Josef. In: Wer war wer in der DDR? 5. Auflage. Band 1. Ch. Links, Berlin 2010, ISBN 978-3-86153-561-4 (bundesstiftung-aufarbeitung.de).
- Josef Duchač in Internationales Biographisches Archiv 25/1992 vom 8. Juni 1992 (lm), im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)
- Heinz Stade, Günter Pambor: Gespräche unterwegs. Ansichten zur Zeit 1991–1996. Arnstadt, Weimar 1996, S. 28–33.
- Martin Debes: Christine Lieberknecht. Von der Mitläuferin zur Ministerpräsidentin. Eine politische Biografie. (= Thüringen Bibliothek, Band 14). Essen 2014, S. 87ff.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Thüringer Staatskanzlei (Hrsg.): Thüringer Regierungschefs 1920–2003; 2007 (PDF; 1,74 MB)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Thüringen trauert um seinen ersten Ministerpräsidenten Josef Duchač. Thüringer Staatskanzlei, 26. Oktober 2026, abgerufen am 26. Oktober 2026.
- 1 2 3 Gerlinde Sommer: Er hat Thüringen wieder zu Thüringen gemacht: Erster Regierungschef verstorben. In: OTZ.de. 26. Oktober 2026, abgerufen am 27. Oktober 2026.
- ↑ Josa Mania-Schlegel: „Josef, das wäre dir nicht passiert"“. In: Die Zeit. 4. März 2020, abgerufen am 27. Oktober 2026.
- ↑ Angela Keller-Kühne: Josef Duchač. Konrad-Adenauer-Stiftung, abgerufen am 27. Oktober 2026.
- ↑ Bernhard Post, Volker Wahl (Hrsg.), Dieter Marek (Red.): Thüringen-Handbuch. Territorium, Verfassung, Parlament, Regierung und Verwaltung in Thüringen 1920 bis 1995 (Reihe Veröffentlichungen des Thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar). Böhlau, Weimar 1999, ISBN 3-7400-0962-4, S. 64.
- ↑ Debes (2014), S. 78–81.
- ↑ Debes (2014), S. 99.
- ↑ Debes (2014), S. 100.
- ↑ Debes (2014), S. 101.
- ↑ Debes (2014), S. 106.
- ↑ Debes (2014), S. 108–113.
- ↑ Josef Duchač: „Ich hatte immer schon eine ganz satte Portion Ehrgeiz“. In: Holger Zürch: Mit freiem Volk auf freiem Grunde. 15 Jahre Thüringer Landtag im Rückblick einstiger Abgeordneter aus den Gründerjahren im Freistaat Thüringen. Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2006, S. 51–63, hier S. 51.
- ↑ Josa Mania-Schlegel: „Josef, das wäre dir nicht passiert“. Josef Duchač war Thüringens erster Nachwende-Ministerpräsident. In: Die Zeit, 5. März 2020, abgerufen am 8. März 2021.
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Duchač, Josef |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Politiker (CDU), MdL, Ministerpräsident des Freistaats Thüringen |
| GEBURTSDATUM | 19. Februar 1938 |
| GEBURTSORT | Bad Schlag |
| STERBEDATUM | 23. Oktober 2026 |