Straßenstation Gengenbach
Als Straßenstation Gengenbach wird eine vermutete, möglicherweise bewachte römische Mansio (auch: Mutatio) an der Kinzigtalstraße auf dem Gebiet der heutigen Stadt Gengenbach im baden-württembergischen Ortenaukreis angesprochen.
Funktion und Begriffsbedeutung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Straßenstationen waren bewachte Mutationes. Mansiones/Mutationes befanden sich entlang der römischen Fernstraßen in Abständen von jeweils einer Tagesreise. Sie dienten vom Ursprung her der schnelleren Abwicklung des Verkehrs auf dem unter Augustus optimierten Cursus publicus, wurden später aber auch von anderen Reisenden genutzt. Sie bestanden in der Regel aus einem Rasthaus mit Verpflegungs- und Unterbringungsmöglichkeiten, Thermen, Stallungen mit der Möglichkeit zum Pferdewechsel sowie einem Handwerksbetrieb für die Wartung von Reisewagen und Pferdezubehör. Wenn sich diese Plätze an strategisch oder ökonomisch wichtigen Punkten befanden, gab es ein zusätzliches Gebäude für Wachposten, das von Stationssoldaten (milites stationarii) oder Benefiziariern besetzt war. In diesem Fall wird von einer Statio (Plural: Stationes), also einer Straßenstation, gesprochen.[1][2]
Lage und Entdeckungsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gengenbach liegt im vorderen Tal der Kinzig, im Nordwesten des Mittleren Schwarzwalds. Durch den Ort fließt die Haigerach, die dort in die Kinzig mündet. Die römischen Fundplätze von Gengenbach strecken sich über ein weites Gebiet aus, das sich vom 274 m NHN hohen „Kastelberg“ (im Volksmund „Bergle“) im Nordosten der Altstadt[3] über mehr als zwei Kilometer Luftlinie bis zum auf 175 m NHN Höhe gelegenen „Ziegelwaldsee“[4] südwestlich der Stadt erstreckt.[5] Bereits im 17. Jahrhundert wurde auf dem „Kastelberg“ eine Jupitergigantensäule erwähnt, die sich dort befand, bis sie 1811 in den Gengenbacher Klostergarten und 1858 in die großherzoglich badischen Sammlungen nach Karlsruhe verbracht wurde. Auch die dortigen Funde einiger Münzen sowie von Bildnissen des Hercules, des Mercurius, der Isis und des Horus wurden Anfang des 19. Jahrhunderts bekannt.[6][7][8][9][10]
Archäologische Befunde und Interpretationsprobleme
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(2. Jahrhundert)
Archäologische Befunde, die durch Mauerreste Baulichkeiten auf dem „Kastelberg“ beweisen würden, wurden bislang nicht festgestellt. Jedoch weist die Münzreihe, die von republikanischen Prägungen bis zur Zeit des Theodosius reicht, für eine langanhaltende, durchgängige Benutzung des Platzes hin. Die Funktion der Fundstelle als Statio ist dabei nicht wirklich gesichert. Andere Überlegungen deuten den Platz als Standort einer Villa rustica oder eines Bergheiligtums. Hingegen wurden im unmittelbaren Ortsbereich eindeutige Siedlungsreste in Form eines Erdkellers und eines Ofens identifiziert, ferner nicht weit von diesen entfernt ein Brandgräberfeld. Datieren lassen sich diese Befunde auf einen Beginn am Ende des ersten Jahrhunderts, wann die Siedlung aufgelassen wurde, muss offen bleiben. Weitere Befunde in Form von Mauerresten, die beim Ausbaggern des „Ziegelwaldsees“ gesichtet wurden, wurden nicht dokumentiert. Bekannt hingegen und inzwischen auch in seinen Grundmauern konserviert ist ein Ziegelbrennofen mit annähernd quadratischem Grundriss am östlichen Rande des Sees. Der Ofen hatte einen senkrechten, oben offenen Schacht und auf seinem Boden befand sich ein Brennrost in Form einer durchlöcherten Tonplatte. Der unter dem Brennrost liegende Feuerungsraum konnte durch einen seitlich außen angebrachten Schürkanal beschickt werden. Der Ofen wies mehrere Reparatur- und Umbauphasen auf, bis er schließlich als Lagerraum für gebrannte Ziegel diente, von denen einige bei seiner Ausgrabung noch gestapelt vorgefunden wurden.[6][7][8][9][10][11]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Gerhard Fingerlin: Gengenbach (OG). Bergheiligtum?, Ziegelbrennofen. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 297–299.
- Gerhard Fingerlin: Gengenbach (OG). Bergheiligtum?, Ziegelbrennofen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Mussen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 90.
- H. O. Wagner: Der römische Ziegelbrennofen von Gengenbach. In: Archäologische Nachrichten aus Baden, Band 23, 1979, S. 19–25 (Digitalisat).
- Heiko Wagner: Lange vor den Klöstern. Das Kinzigtal von der Steinzeit bis zur Römerzeit. In: Die Ortenau 94, 2014, S. 425–442 (Digitalisat).
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Geschichte der Stadt Gengenbach auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Gengenbach
- Ziegelbrennofen Gengenbach mit Mauerresten auf rom-in-deutschland.de
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Jocelyne Nelis-Clément: Statio, stationarii. Principate. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Wiley, Chichester 2015, Band 3, S. 925 f.
- ↑ Maria Federica Petraccia: Statio, stationarii. Late Empire. In: Yann Le Bohec (Hrsg.): The Encyclopedia of the Roman Army. Wiley, Chichester 2015, Band 3, S. 926 f.
- ↑ Straßenstation Gengenbach bei 48° 24′ 45″ N, 8° 1′ 15″ O
- ↑ Ziegelwaldsee bei 48° 23′ 42″ N, 8° 0′ 28″ O
- ↑ Historische Ortsanalyse. Gesamtanlage Gengenbach, Ortenaukreis auf denkmalpflege-bw.de, abgerufen am 22. Mai 2026.
- 1 2 Geschichte der Stadt Gengenbach auf der offiziellen Webpräsenz der Stadt Gengenbach, abgerufen am 22. Mai 2026.
- 1 2 Gerhard Fingerlin: Gengenbach (OG). Bergheiligtum?, Ziegelbrennofen. In: Philipp Filtzinger, Dieter Planck, Bernhard Cämmerer (Hrsg.): Die Römer in Baden Württemberg. Theiss, Stuttgart 1986³, ISBN 3-8062-0287-7, S. 297–299.
- 1 2 Gerhard Fingerlin: Gengenbach (OG). Bergheiligtum?, Ziegelbrennofen. In: Dieter Planck (Hrsg.): Die Römer in Baden-Württemberg. Römerstätten und Mussen von Aalen bis Zwiefalten. Theiss, Stuttgart 2005, ISBN 3-8062-1555-3, S. 90.
- 1 2 H. O. Wagner: Der römische Ziegelbrennofen von Gengenbach. In: Archäologische Nachrichten aus Baden, Band 23, 1979, S. 19–25 (Digitalisat).
- 1 2 Heiko Wagner: Lange vor den Klöstern. Das Kinzigtal von der Steinzeit bis zur Römerzeit. In: Die Ortenau 94, 2014, S. 425–442 (Digitalisat)
- ↑ Ziegelbrennofen Gengenbach mit Mauerresten auf rom-in-deutschland.de, abgerufen am 22. Mai 2026.
Koordinaten: 48° 24′ 45″ N, 8° 1′ 15″ O