Brotbaum der Forstwirtschaft: Das Zeitalter der Fichte geht zu Ende
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Die Fichte kommt am häufigsten in unserer Region vor. Über die Hälfte des heimischen Walds besteht aus teils reinen Fichtenbeständen. Jahrzehntelang hat die Art gute Profite abgeworfen, sie ist der Brotbaum der Forstwirtschaft. Doch den Klimawandel verträgt sie nicht, die Tage der Fichtenwälder im Oberland sind gezählt.
Weyarn – Von Natur aus kommt die Fichte nur im Alpenraum, in den Hochlagen der Mittelgebirge und in nicht zu nassen Bereichen von Mooren vor. Dass sie heute dennoch die häufigste Baumart in unserer Region ist, verdankt sie dem Menschen. Einen eindrucksvollen Beweis dafür liefert Försterin Lina Nißl in einem Privatwald in der Gemeinde Weyarn. Dort wachsen Fichten, so weit das Auge reicht.
Die Fichte ist der Brotbaum der Forstwirtschaft und mit rund 60 Prozent die vorherrschende Baumart im Amtsbereich des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Holzkirchen. Sie dominiert viele Waldbestände, oft in reinen Fichtenwäldern. So wie in Weyarn. „Es sind wirklich sehr, sehr viele“, sagt die Revierförsterin, während sie ihren Blick umher und in die Höhe schweifen lässt. Die Bäume stehen dicht an dicht und sind 35 bis 40 Meter hoch. Vor etwa 80 bis 90 Jahren muss sie jemand gepflanzt haben. Sicher in dem Gedanken, dass dieser Bestand einer der nachfolgenden Generationen von Nutzen sein kann.
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Nißl möchte herausfinden, wie viel Holzmasse auf einem Hektar steht. Sie holt ein kleines, flaches Messgerät aus Metall aus der Tasche heraus. Erfunden hat es ein Forstwissenschaftler der Universität Göttingen. Weil es wie ein Flaschenöffner aussieht, heißt das Gerät umgangssprachlich „Göttinger Flaschenöffner“. Damit ließen sich auch Flaschen öffnen, schmunzelt die Försterin. Aber in erster Linie sei das Gerät ein Winkelmesser. Mit einem gewissen Abstand schaut sie durchs Loch und zählt Bäume. Diesen Vorgang wiederholt Nißl, bis sie sich um ihre eigene Achse gedreht hat. „Hochgerechnet stehen hier 1000 Festmeter Holz pro Hektar“, meint die Fachfrau. In Bayern liege der Durchschnitt bei 330 Festmetern. Dieser Wald sei also ein echter Schatz, berge aber auch große Risiken.
Was lässt sich aus 1000 Festmetern Holz herstellen? „Mehrere tausend Bretter oder 15 bis 20 Holzhäuser“, nennt Nißl Beispiele. Das helle, harzhaltige Fichtenholz sei das Bauholz schlechthin. Es eigne sich auch für viele Sonderverwendungen. So verleihen Bergfichten Geigen und anderen Instrumenten ihren Klang.
Steckbrief
Nadel: spitz, saftgrün, rautenförmiger Querschnitt;
Rinde: rötlich-braun, lange Zeit glatt, ab einem Alter von 80 bis 100 Jahren blättern die Schuppen ab;
Früchte: rötliche Zapfen, die nach unten hängen, sie fallen als Ganzes ab;
Wurzel: flache, tellerförmige Wurzeln, auf gut durchlüfteten Böden tief reichende Senkerwurzeln;
Höhe: bis maximal 55 Meter;
Altersgrenze: 250 Jahre (im Gebirge im Extremfall bis 500 Jahre);
Vorkommen im Landkreis: häufigste Baumart;
Holzeigenschaften: grobfaserig weich, harzreich, leicht spaltbar, im Außenbereich mittelmäßig dauerhaft, wenig beständig bei Wechsel zwischen nass und trocken;
Holzpreis: Bauholz zwischen 60 und 90 Euro pro Kubikmeter, Industrieholz zwischen 22 und 46 Euro pro Kubikmeter. Nach Stürmen und Borkenkäferbefall kann es zu Preisschwankungen kommen.
Anders als die Tanne bildet die Fichte nur ein flaches Wurzelsystem aus. Bei starken Stürmen würden häufig ganze Bestände geworfen – ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer. Dieser Schädling hat in dem Waldstück schon ein paar Bäume auf dem Gewissen. Vereinzelt sind auch vertrocknete Exemplare zu sehen. „Hier ist lange nichts mehr gemacht worden“, bestätigt die Försterin. Für einen Umbau in Richtung Klimawald wäre es jetzt höchste Zeit. Denn die Fichte sei nicht sehr hitzetolerant und Reinbestände extrem anfällig.
Ursprünglich stammt die Fichte aus kühlen, feuchten Bergregionen, sie leide sehr unter den steigenden Temperaturen des Klimawandels. „Auch wir spüren hier die Auswirkungen, von Großkahlflächen sind wir aber noch weit weg“, beruhigt Nißl. „Wir haben immer noch gute Böden und ausreichend Niederschläge.“
Nißls Blick bleibt an einer kleinen, niedrigen Baumgruppe hängen. Das sei die nächste Baumgeneration, die bereits heranwächst. „Fichte, Ahorn, Tanne, Buche, Vogelbeere, Erle“, zählt die junge Försterin auf. „Es ist alles da für einen gesunden Mischwald. Und das ohne Zutun des Menschen.“