50 Haushalte heizen gemeinsam: Ein Dorf in Oberbayern erteilt den Öl-Multis eine Abfuhr
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In Etting versorgt eine Genossenschaft bald 48 Häuser mit Wärme aus lokalen Hackschnitzeln. Das Brennmaterial kommt dabei aus maximal zwei Kilometern Entfernung.
Etting – Michael Eller ist in seinem Element, da gibt es mal gar keinen Zweifel. Mit leuchtenden Augen führt er die Besucher durch „seine“ Dorfheizung. Hier die riesigen Hackschnitzel-Container, dort der eindrucksvolle Speicher („20.000 Liter!“), ein kurzer Blick in die Brennkammer („Irre, wie wenig Asche da anfällt!“) und ein paar Klicks am Rechner, um die Steuerungstechnik zu demonstrieren. Eller liebt die Dorfheizung, und das kommt nicht von ungefähr.

2022 war es, da standen viele Ettinger vor der gleichen Frage: Womit wollen sie in Zukunft ihre Wärme erzeugen? Russland hatte gerade die Ukraine überfallen, die Öl- und Gaspreise schossen durch die Decke. Da war nicht nur Brennstoff, sondern auch guter Rat teuer. Insbesondere deswegen, weil viele Ölheizungen am Ende ihrer Laufzeit angekommen waren oder es zumindest in Sichtweite war. Eine Umstellung auf Erdgas war keine Option – Etting ist nicht an das Gasnetz angeschlossen.
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Kommunale Wärmeplanung – was soll das?
Der russische Angriffskrieg in der Ukraine und der amerikanische Angriff auf den Iran haben deutlich gezeigt, dass – mal ganz abgesehen vom Klimaschutz – eine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zur Wärmegewinnung große Versorgungs- und Preisrisiken mit sich bringt. Deswegen sind die Kommunen seit einigen Jahren verpflichtet, eine kommunale Wärmeplanung zu erstellen.
Darin soll der wahrscheinlich wirtschaftlichste Weg zur regenerativen Wärmeversorgung im Jahr 2045 aufgezeigt werden, so Andreas Scharli von der Energiewende Oberland. Die Ewo erstellt für die Kommunen im Landkreis interaktive Karten, die auf deren Internetseiten eingebunden sind. Zunächst Wärmedichtekarten, um zu sehen, wo künftig eine gemeinsame Lösung sinnvoll ist und wo eine Einzellösung besser wäre. Da sieht man sehr schnell, dass in Bereichen, in denen beispielsweise Schule, Gasthof und Firmen eng beeinander stehen, eine gemeinsame Energiezentrale sinnvoll wäre.
Anschließend müssen ein Betreiber und ein Standort für eine solche Energiezentrale gefunden werden. „Oftmals läuft es dann auf eine Hackschnitzelheizung heraus. In Bernried allerdings sollen beispielsweise zunächst große Luft-Wasser-Wärmepumpen gebaut werden, die zu einem späteren Zeitpunkt auf Seewärme umgerüstet werden können“, berichtet Scharli.
Mit dieser Hintergrundarbeit, die für jede Kommune geleistet werden muss, vergehe viel Zeit. „Umso mehr freut mich das schnelle Handeln der Genossenschaft in Etting“, so der Experte von der Energiewende Oberland im Gespräch.
Mehr als die Hälfte wollten mitmachen
„Einige Landwirte spielten mit dem Gedanken, auf ihrem Grundstück jeweils eine kleine Hackschnitzel-Anlage zu bauen und damit gemeinsam ein Wärmenetz für das Dorf aufzubauen“, erinnert sich Eller. Er selbst wollte sich damals noch aus der Sache komplett raushalten. Doch es sollte anders kommen. Irgendwie konnte er nicht anders, schließlich arbeitet er bei den Stadtwerken Weilheim und kennt sich bestens aus.
Gemeinsam mit der Energiewende Oberland (Ewo) entwarf man einen Fragebogen, den man an alle Haushalte im Ort schickte. Einfach, um mal zu sondieren, wie groß das Interesse wäre. „Der Fragebogen war so gut, dass ihn andere Orte übernommen haben“, sagt Eller und lacht. Das Ergebnis überraschte dann alle: 90 Häuser stehen in Etting, 50 Hausbesitzer wollten beim Projekt „Dorfheizung“ mitmachen.
Was macht man nun mit so einem Ergebnis? Man überlegt genau, wie man es angeht. Eine Entscheidung fiel relativ schnell: Für den Bau der Heizung und des Netzes, den Betrieb und die Abrechnung sollte sich eine Genossenschaft kümmern. Dann müssen keine riesigen Renditen erwirtschaftet werden, es muss sich einfach nur nachhaltig selbst tragen. „So eine schnelle Genossenschaftsgründungsversammlung habe ich noch nie erlebt“, berichtet Andreas Scharli von der Ewo, der das Projekt intensiv begleitet hat. Kein ewiges Diskutieren und Betteln, wer sich engagiert: „Nach 45 Minuten war die Sache durch.“ „Das war ja auch im Vorfeld alles genau besprochen“, sagt Michael Eller und grinst.
Betrieb mit so wenig Aufwand wie möglich
Die Grundlage bestand, es konnte losgehen. Für Eller stand bei der Konzeption eines im Mittelpunkt: „Das muss vom Ende her gedacht werden.“ Sprich: Der Betrieb soll so wenig Aufwand wie möglich verursachen. Deswegen war die Idee, fünf dezentrale Dorfheizungen im Ort zu verteilen, schnell vom Tisch. Ein neues Heizhaus für alle sollte es werden. Eller profitierte von seinen Erfahrungen und Kontakten. Eine Landwirtsfamilie aus dem Ort stellte das Grundstück in günstiger Erbpacht zur Verfügung. „Das war ein Riesen-Entgegenkommen, von dem alle profitieren“, lobt Eller. Denn für den Kauf eines Grundstücks gibt es keinerlei Fördermittel.
Leicht war es trotzdem nicht. Auch wenn die Resonanz aus dem Dorf super und der Plan durchdacht war: Das größte Problem war, eine Bank zu finden, die die Finanzierung des Vorhabens übernimmt. „Das stellt uns immer wieder vor Schwierigkeiten“, erklärte Scharli. Da komme ein Start-up ohne eigenes Grundstück und wolle einen Kredit zu günstigen Konditionen. Als einzige Sicherheit bietet es ein Heizhaus, das die Banken gar nicht wollen, weil sie es im Falle eines Falles dann irgendwie betreiben müssten. Aber Scharli und Eller sind nicht nur hartnäckig, sondern auch geschickte Verhandler. Wenig später wurde der Kreditvertrag unterzeichnet.

Rund 2 Millionen Euro netto wurden und werden so in die Dorfheizung investiert. 600.000 Euro kostet das Heizhaus, der Rest geht für das Nahwärmenetz, Glasfaser und Steuerungstechnik drauf. Rund ein Drittel der Kosten bringt die Genossenschaft als Eigenkapital mit. Wer sich anschließen will, muss für 3000 Euro Genossenschaftsanteile kaufen. Dazu kommen 12.000 Euro Anschlussgebühren plus der nötige Kellerumbau pro Haus. Die Anschlusskosten könne man sich mit 30 bis 40 Prozent fördern lassen, sagt Scharli. Das sei zwar, seitdem Katherina Reiche Bundeswirtschaftsministerin ist, deutlich komplizierter zu beantragen, funktioniere aber immer noch, ergänzt Eller.
Dafür gibt es nicht nur einen neuen Wärmeanschluss, sondern auch gleich Glasfaser, Wasser- und Stromanschluss neu – Eller hat seine Kontakte spielen lassen, wirklich alle Versorger zogen mit. Rund 800.000 Euro kommen über Fördermittel. Bei der Beantragung half die Ewo nach Kräften. Den Rest der Summe finanziert die Genossenschaft über den Kredit.

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Kein eigener Heizkessel, kein Kaminkehrer, keine Wartung
Die Dorfheizungskunden zahlen künftig 32 Euro Grundgebühr im Monat, dazu 10,2 Cent pro Kilowattstunde Wärme. Das sei jetzt nicht deutlich günstiger als Erdgas, räumt Andreas Scharli von der Ewo ein. Aber dafür brauche man keinen eigenen Heizkessel, spare sich die Kosten für Kaminkehrer und Wartung. Und habe zudem ökologische, regional erzeugte Wärme.
In Etting werden Hackschnitzel verheizt. Ein Brennstoff, auf den in der Region gefühlt gerade jeder setzt. Doch gibt es überhaupt genug Bruchholz und Holzabfälle in der Region, um den Bedarf zu decken, oder werden irgendwann Hackschnitzel aus China importiert? Eller und Scharli lachen schallend: „Was hier verheizt wird, hat eine maximale Anlieferung von zwei Kilometern“, sagt Eller. Die Landwirte hätten allesamt viel Wald. Und da falle mehr als genug Brennmaterial an.
Auch bei der Abrechnung der angelieferten Hackschnitzel wurde, wie Eller betonte, „vom Ende her gedacht“. Denn Hackschnitzel ist nicht gleich Hackschnitzel. Zwischen Fichte und Buche liegen beim Brennwert durchaus Welten. Andernorts begutachten Gremien jeden einzelnen Container bei Anlieferung. Die Genossenschaft in Etting hat einfach einen Wärmemengenzähler installiert. Wird ein neuer Container in Betrieb genommen, wird der gestartet. Und am Ende bekommt der anliefernde Landwirt die Wärmemenge entgolten, die mit seinen Hackschnitzeln erzeugt wurde.
2,3 Kilometer Trasse werden gerade gebaut
„Auch der nötige Waldumbau spielt uns bei den Hackschnitzelheizungen in die Karten“, sagt Andreas Scharli von der Ewo. Derzeit gibt es in der Region viele Fichtenwälder. Doch der Klimawandel, Stürme und der Borkenkäfer setzen den Beständen zu, weswegen verstärkt Laubbäume nachgepflanzt werden. Das hat auch Auswirkungen auf die Menge an Hackschnitzeln. „Bei der Fichte gehen rund 70 Prozent des Stammes auf die Säge und werden zu Bauholz verarbeitet. Beim Laubwald sind es bestenfalls 20 Prozent, die nicht zu Hackschnitzeln verarbeitet werden.“
In Zukunft wird also noch deutlich mehr Brennmaterial aus der Region anfallen. Umso wichtiger sei es, es auch hier in der Region zu verbrauchen: „Derzeit werden noch Hackschnitzel nach Österreich exportiert.“ Und all denen, die meinen, dass beim Verbrennen von Holz CO₂ freigesetzt wird, entgegnet Michael Eller: „Wenn das Holz im Wald bleibt und verrottet, wird genauso viel CO₂ freigesetzt. Nur dass dann keine Wärme damit erzeugt wird.“
Immer Sommer bald mit Wärmepumpe und Sonnenstrom?
Derzeit läuft der Trassenbau in Etting noch auf Hochtouren. Insgesamt 2,3 Kilometer an Wärmeleitungen werden im Ort verlegt. Die Arbeiten sollen bis zum Beginn der Heizperiode abgeschlossen sein, sagt Eller und wirkt dabei sehr zuversichtlich. Dann werden 48 Häuser im Ort angeschlossen sein.
Die Hände in den Schoß legen wollen Eller und seine Mitstreiter anschließend aber nicht. Sie haben schon noch Ideen, wie sich die Sache optimieren ließe. Im Sommer, da lohne es sich kaum, die Hackschnitzelkessel anzuwerfen. Wesentlich effektiver wäre es, wenn man die Luft-Wärmepumpe der Feuerwehr mitnutzen könnte, um mit Solarstrom Warmwasser zu erzeugen. „Und wenn es negative Strompreise gibt, könnte ich ganz einfach vom Laptop aus erst unsere 20.000 Liter Pufferspeicher und dann noch einmal rund 50.000 Liter in den einzelnen Häusern aufheizen“, schwärmt Eller. Das vorrangige Ziel der Genossenschaft bleibt aber erst einmal, schwarze Zahlen zu schreiben.