Klopps Liebe zu Spielern mit Erfahrung im rauen Inselklima
Uns auf Google folgenMika Baur und Vitaly Janelt sollen ihre Mentalität aus Glasgow und Brentford im DFB-Team einbringen. Gerade Janelt hat einigen DFB-Kollegen etwas voraus.
Herzogenaurach – Herzogenaurach hat keine Lust auf Herbst. Also bleibt es einfach Sommer am Ententeich, um den herum Jürgen Klopp seinen zweiten Kader versammelt hat. Kumuliert fast so viele Spieler wie Enten. Und jede Menge Arbeit fürs Teamanagement bei der Organisation der An- und Abreisen in abgedunkelten Vans.

Der Bundestrainer liebt die Strände von Mallorca und Sylt. Aber seine Liebe zu einem fußballpolitisch viel bedeutenderen Eiland ist noch tiefer: die zur britischen Insel. Ein halbes Dutzend Spieler, und damit so viele Profis aus der Premier League und der schottischen Premiership wie noch nie, haben es in Klopps Aufgebote geschafft. Die nächste Aufgabe: Nations League gegen Serbien am Donnerstagabend (20.45 Uhr/ZDF) in München.
Janelt bringt für Klopp mit, was andere DFB-Spieler noch lernen müssen
Aus Glasgow und London sind deshalb die potenziellen Debütanten Mika Baur und Vitaly Janelt angeflogen gekommen. Der Name Baur ist wegen Mikas Vater republikweit bekannt. Janelt hat höchstpersönlich bereits Berühmtheit erlangt: Er hatte sich als Teenager bei einem U19-Länderspiel in Albanien des mutmaßlichen Rauchens einer Wasserpfeife im Hotelzimmer schuldig gemacht. Davon wusste man in Deutschland bislang leider mehr als über seine Heldentaten in der Premier League.
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In der Vergangenheit hat sich der DFB stets wie ein scheues Reh geziert, den Medien ein Gespräch mit Neuankömmlingen zu erlauben. Man fürchtete offenbar nachhaltige Negativfolgen fürs Gemüt der armen Frischlinge. Inzwischen wurde diese Strategie dankenswerterweise in die Mottenkiste gepackt. So kommt es, dass auch Baur, 22, und Janelt, 28, ein Viertelstündchen lang befragt werden dürfen. Und dabei jeweils nicht ansatzweise den Eindruck erwecken, sie könnten damit überfordert sein.
Wenn sich das im Nationaltrikot auf dem Fußballplatz ähnlich überzeugend darstellen sollte, wäre es für die Entwicklung dieses unfertigen Teams förderlich. Beide Mittelfeldspieler sehen selbstbewusst aus, der grazile Baur mehr mit einem Lächeln, Janelt mit breiter Brust etwas verbissener. Er sagt über seinen Job bei Brentford im Westen von London: „Ich mache die Dreckarbeit für die Jungs vor mir und versuche, denen den Weg freizuschaufeln, ich bin relativ präsent.“
Baur sagt über seine Aufgabe bei Celtic: „Ich habe gern den Ball am Fuß, aber auch Spaß gegen den Ball, bei der ekligen Arbeit, vor- und zurückzusprinten, Zweikämpfe zu führen.“ Das ist genau das, was Klopp sehen will: „Männerfußball“ im klassischen Sinn. Baur: „Auch wenn ich nicht der physischste Spieler bin, kann ich trotzdem den Gegnern wehtun.“ Janelt: „Wir versuchen immer, aktiv nach vorne zu verteidigen, egal ob gegen Aufsteiger Hull City oder auswärts bei Manchester City.“
Auf der Insel gilt die Maxime: niemals zurückziehen, niemals also das tun, was beim deutschen 0:1 gegen Griechenland Joshua Vagnoman und Felix Nmecha vor dem Gegentreffer getan haben – und dafür von Klopp gerüffelt wurden. Janelt, schon mehrfach im Visier von Eintracht Frankfurt, glaubt: „Wenn wir das aggressive Spiel gegen den Ball und das hohe Pressen, das Jürgen Klopp in Liverpool sehr gut umgesetzt hat, hier auch hinkriegen, wie er es verlangt, können wir relativ guten Erfolg haben.“
Die Sache ist nur die: Klopp weiß das. Damit die Spieler sein 4-3-3 originalgetreu aufs Feld kriegen, braucht es Wiederholungen. Das sei, erklärt er, „wie beim Vokabellernen – am nächsten Tag wäre es nicht schlecht, wenn du nochmal draufguckst“. Mit Leuten wie Aufräumer Janelt, der fünf Jahre Premier League unter dem Radar der deutschen Fußballöffentlichkeit als Stammkraft in den Beinen hat, kann Klopp den British Aggressive Style Football auf A-Level-Niveau vertiefen. „In Brentford“, sagt Janelt, „hat jeder die gleiche Idee von Fußball.“ Das versucht Klopp jetzt auch den Deutschen einzubimsen.
Mika Baur hat erst ein paar Monate in Schottland hinter sich. Der Lockenkopf war vorher mit dem SC Paderborn in die Bundesliga aufgestiegen. Am Sonntag, wenn Deutschland in Thessaloniki gegen Griechenland spielt, kommt Mikas Vater Markus ins Stadion. Der war 2004 Europameister und 2007 Weltmeister, Rückraum Mitte, der deutschen Handball-Nationalmannschaft. Die Ikone – zweifacher Handballer des Jahres und mit der SG Wallau-Massenheim 1994 Pokal- und Supercupsieger – hat es als aktueller Sportchef beim Drittligisten HG Saarlouis bisher noch nicht mal zum Junior nach Glasgow geschafft.
Aber er hat „mir erzählt“, berichtet der Sohn, „wie es war bei ihm, als er das erste Mal bei der Nationalmannschaft eingeladen wurde.“ Der Adler auf der Brust, „der macht schon was, sobald man die Klamotten anzieht“ – das haben Vater und Sohn im Abstand von 32 Jahren erlebt. Beim Vater folgte eine Weltkarriere. Der Sohn witzelt: „Wenn ich das nicht auch erreiche, dann ist meine Karriere für die Katz. Nee, im Ernst: Da kann er stolz drauf sein.“
Mika Baur hat bis zum elften Lebensjahr auch Handball gespielt. Möglicherweise kann er auch deshalb eine kundige Hilfskraft für Klopp werden, weil er mit Meister Celtic Dinge hinkriegen muss, an denen die seit vier Spielen sieglose DFB-Elf zuletzt geradezu verzweifelt ist: „Wir haben grundsätzlich viel den Ball und müssen Lösungen gegen tiefstehende Gegner finden.“ Ganz wie einst der Vater 2007 im WM-Finale gegen die polnische 6:0-Deckung.