Protein-Boom: Ist das noch gesund – oder überschätzen wir unseren Bedarf?
Uns auf Google folgenProtein steht für Muskeln, Fitness und Gesundheit. Während der Hype ums Eiweiß immer neue Produkte hervorbringt, wird vor überzogenen Erwartungen gewarnt. Besonders junge Menschen geraten unter Druck.
Freiburg/Frankfurt – Protein-Chips, High-Protein-Gemüsecurry und Eiweißbrot: Lebensmittel mit einem hohen Proteingehalt boomen. Diese Produkte sind inzwischen überall in Super- und Drogeriemärkten zu finden. Dazu kommt Proteinpulver, mit dem etwa Shakes zubereitet werden. Experten sprechen von einem milliardenschweren Markt.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag von Christian Böhmer stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Das auch Eiweiß genannte Protein ist längst zum Synonym für eine gesunde Lebensweise und einen starken Körper geworden. Produkte mit dem vermeintlichen Wundernährstoff haben eine erstaunliche Karriere hinter sich. „Früher hat man Eiweißpräparate nur an der Theke von Fitnessstudios für Bodybuilding bekommen“, sagt der Sportsoziologe Mischa Kläber der KNA.

„Die Entwicklung ist nach meinem Eindruck einmalig“, fügt der Ressortchef für Breiten- und Gesundheitssport beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) in Frankfurt hinzu. Vergleichbar sei allenfalls der Aufstieg der Elektrolyt-Getränke, die ursprünglich auch aus dem Sportbereich stammen.
Experte sieht in Protein-Boom Parallelen zu Elektrolyten
Fast jeder zweite Verbraucher in Deutschland kauft laut einer Umfrage des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov selten oder oft Lebensmittel, die als besonders proteinreich beworben werden. Besonders jüngere Leute greifen demnach zu.
In „Elli‘s Café“ in Freiburg und anderen Lokalen im Land stehen Proteinshakes inzwischen auf der Karte. Angeboten werden in dem kleinen Café unweit der südbadischen Universität drei Geschmackssorten, darunter Banane-Erdnussbutter.
Aufschwung löst Debatten aus
Der Höhenflug beim Eiweiß löst Debatten aus. Eine ausgewogene Ernährung reiche auch bei sportlichen Menschen aus, um den Proteinbedarf zu decken – darauf weisen viele Fachleute und Institutionen hin. „Niemand braucht Proteinpulver“, meint etwa die Sportmedizinerin Barbara Munz laut einer Mitteilung der Tübinger Uniklinik.
Verbraucherschützern zufolge muss für viele Proteinlebensmittel mehr an der Kasse gezahlt werden als für vergleichbare „normale“ Produkte. Die Proteinwelle rollt dennoch. Bei dem Hype geht es offensichtlich weniger um Ernährungswissen als um Lifestyle. Wer will schon zurückstehen bei einem Nährstoff, der beim Aufbauen von Muskeln hilft und gut sättigt?
Soziologe Kläber möchte eine pauschale Einschätzung, wonach viele Menschen zu Fitnessfreaks mit entsprechendem Konsumverhalten geworden sind, so nicht stehen lassen. Er sieht die Gesellschaft hingegen als gespalten an. Einerseits wachse sogar die Gruppe von Menschen, die sich zu wenig bewegt.
Auf der anderen Seite stehen Personen, die der Experte als Körpermodellierer bezeichnet. Sie legen demnach großen Wert auf einen fitten und gesund wirkenden Körper – und dienen als Vorbilder.
Junge Menschen „extrem unter Druck“
„Gerade junge Menschen stehen extrem unter Druck, wenn man sich Massenmedien und Social Media anschaut“: Es gebe dort nur makellose Körper, also muskulös bei Männern und schlank bei Frauen, stellt der Forscher fest.
Das Thema Diät spielt auf Instagram und Co. ebenfalls eine große Rolle. Einschlägige Stichworte lauteten etwa „Low Carb“ oder „South Beach“. Dabei werde unter anderem versprochen, proteinreiche Ernährung und das Einschränken von Kohlenhydraten führe zu einer Traumfigur, sagt der Wissenschaftler.
Sein Fazit: Die Ernährungsweise rückt von der Genussorientierung weg und wird immer funktionaler.
Werbung ist in Europa geregelt
Für Verbraucher ist es mitunter nicht einfach, sich im Dschungel der Produktbezeichnungen zurechtzufinden. In der Europäischen Union dürfen die Angaben „High Protein“ oder „reich an Protein“ nur auf dem Etikett stehen, wenn mindestens 20 Prozent des Energiegehalts aus Proteinen stammen.
Wie das Verbraucherportal Bayern weiter berichtet, sind Angaben wie „Proteinquelle“ ab einem Anteil von mindestens zwölf Prozent erlaubt. Richtig unübersichtlich wird es bei der Frage, in welchem Maße Protein tatsächlich gesund ist und welche Risiken möglicherweise bei starker Einnahme drohen. Dazu gibt es in der Fachwelt widersprüchliche Einschätzungen.
Extrem hoher Konsum kann Nieren belasten
Ein erhöhter Konsum von Protein schade gesunden Menschen üblicherweise nicht, wie das Verbraucherportal Bayern resümiert. Die Europäische Lebensmittelbehörde EFSA hält die Menge von zwei Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht für unbedenklich.
Protein im Alltag: Was der Körper tatsächlich braucht
Proteinshakes und Eiweißbrot: Für die meisten Menschen reicht laut Fachleuten eine gesunde und ausgewogene Ernährung. Mehr Protein wird vor allem im höheren Alter und bei intensiver sportlicher Belastung relevant.
Verbraucher stellen sich die Frage, wie viel Protein nötig ist, um sich optimal zu ernähren. Pauschale Antworten gibt es darauf nicht. So brauchen ältere Menschen und sehr ambitionierte Sportler etwas mehr von dem lebenswichtigen Nährstoff, wie Experten sagen. Als proteinreich gelten Fisch, Fleisch und Milchprodukte, ebenso Hülsenfrüchte und Getreideprodukte.
– In der Debatte um Protein werden häufig Werte der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) genannt. Demnach sollten Menschen bis 65 Jahre mit einem normalen Aktivitätsniveau etwa 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht und pro Tag zu sich nehmen.
– Für eine Person, die 68 Kilogramm wiegt, bedeutet dies 54 Gramm Protein pro Tag. Diese stecken laut DGE etwa in zwei Scheiben Vollkornbrot mit Erdnussmus (15 Gramm Protein), 250 Gramm Ofenkartoffeln mit 150 Gramm Quark (25 Gramm Protein) und 150 Gramm gegarten Linsen (14 Gramm Protein).
– Menschen ab 65 Jahren brauchen täglich 1,0 Gramm, wie das Verbraucherportal Bayern berichtet. Schwangere, Stillende sowie Kinder und Jugendliche haben ebenfalls einen höheren Bedarf. „Bei sportlicher Aktivität steigt der Eiweißbedarf erst ab einer Trainingszeit von mehr als fünf Stunden pro Woche.“ Dann könnten 1,2 bis 2,0 Gramm Protein sinnvoll sein, so die Experten.
– „Es ist nichts gegen einen guten, ausgewogenen Proteinshake zu sagen“, sagt der Frankfurter Sportsoziologe Mischa Kläber. Er und andere Wissenschaftler weisen aber darauf hin, dass eine gesunde und ausgewogene Ernährung in der Regel ausreicht, um den Proteinbedarf zu decken. An Protein mangele es den wenigsten, bilanziert das Gesundheitsmagazin der AOK.
– Wer gerne mit zusätzlichem Protein angereicherte Nahrungsmittel kauft, sollte laut Verbraucherportal Bayern auf die Zutatenliste und Nährwerte achten. High-Protein-Produkte könnten etwa viel Zucker und Kalorien enthalten.
Experte Kläber gibt zu bedenken, eine extrem eiweißreiche Ernährung könne zu einer großen Belastung für die Nieren werden. Das Gesundheitsmagazin der Krankenkasse AOK resümiert, dauerhaft viel Protein bedeute mehr Arbeit für die Nieren. „Ob das der Gesundheit schadet, ist aber noch ungeklärt.“
Gastwirt wartet auf Influencer
In „Elli‘s Café“ achtet die Kundschaft sehr auf Gesundheit, wie der im Studentenviertel nur als Chris bekannte Inhaber erzählt. Die Proteinshakes sind seit dem Frühjahr zu haben; ein Mitarbeiter hatte die Idee dafür. Richtige Renner seien die neuen Getränke bisher nicht, sagt der Freiburger Wirt. Aber das könne ja noch kommen. „Vielleicht kommt ja mal ein Influencer vorbei“, fügt er augenzwinkernd hinzu.