Tierchen-Invasion an Österreichs Urlaubsseen – Experten in Sorge: „Kampf gegen Windmühlen“
Uns auf Google folgenSchnittgefahr, Rohrverstopfung, Öko-Schäden: Die Quaggamuschel verändert Österreichs Badeseen – und lässt sich laut Experten kaum noch stoppen.
Wien – Wer in diesem Sommer in Österreich barfuß ins Wasser geht, könnte mit blutenden Füßen ans Ufer zurückkehren. An manchen Badeseen reicht ein falscher Schritt auf dem Seegrund, um sich an winzigen, messerscharfen Muschelkanten zu verletzen. Dahinter steckt ein Vorgang, der sich seit Jahren unaufhaltsam durch die Gewässer des Landes zieht – und den viele Urlauber noch gar nicht auf dem Schirm haben.

Attersee, Traunsee, Mondsee, Wörthersee, Ossiacher See, Millstättersee, Wolfgangsee – die Liste betroffener Seen wächst. Die etwa vier Zentimeter große Quaggamuschel ist ursprünglich im Schwarzmeer- und Aralseeraum beheimatet. Laut Bundesministerium für Land- und Fortwirtschaft, Klima- und Umweltschmutz und Regionen und Wasserwirtschaft (BMLUK) wurde sie in Österreich erstmals 2016 im Bodensee nachgewiesen. Seitdem hat sie sich in mehrere Bundesländer ausgebreitet und stellt Behörden, Wasserwirtschaft und Urlauber vor ernste Fragen.
Quaggamuschel in Österreich: Invasive Art setzt die heimischen Seen unter Druck
Die Quaggamuschel sei „eine invasive Art, die das Ökosystem verändert“, erklärt Nikolaus Schobesberger, Gewässerökologe des Landes Oberösterreich, gegenüber dem Standard. Die Verletzungsgefahr für Badegäste stuft der Experte als real ein. Badeschuhe würden künftig wohl zur Standardausrüstung an vielen österreichischen Seen gehören.
Das ökologische Problem reicht jedoch tiefer. Die Quaggamuschel filtert in enormen Mengen Algen aus dem Wasser – Algen, die eigentlich als Nahrungsgrundlage für Kleinstlebewesen dienen, von denen sich Fische ernähren. Fischpopulationen werden sich verändern müssen, ebenso die Bewirtschaftung der Gewässer. Schobesberger geht davon aus, dass sich langfristig – ähnlich wie bei der in den 1980er-Jahren eingeschleppten Wandermuschel – eines Tages ein neues Gleichgewicht einstellen wird. Auch Kroatien kämpfte in diesem Jahr bereits mit einer Tierplage.
Rohre, Kühlsysteme, Trinkwasser: Muschel richtet auch wirtschaftlichen Schaden an
Neben den ökologischen Folgen entstehen erhebliche wirtschaftliche Kosten. Muscheln und ihre Larven gelangten laut Schobesberger über Rohrleitungen in technische Systeme von Unternehmen, die Seewasser zur Kühlung nutzen oder – wie im Fall des Bodensees – zur Trinkwassergewinnung. Das Befreien der Leitungssysteme von Muschelansammlungen sei aufwendig und teuer. Auch Boote und Stege würden durch die massenhafte Ansiedlung beschädigt, was kontinuierliche Wartung erfordere.
Verbreitet wird die Muschel nach Angaben des BMLUK vor allem durch menschliche Mobilität. Larven schweben frei im Wasser und setzen sich an Bootsrümpfen, Tauchanzügen, Standup-Paddleboards, Angelausrüstung und sogar Luftmatratzen fest. Werden diese Geräte ohne gründliche Reinigung in ein anderes Gewässer gebracht, reicht das aus, um einen bisher befallsfreien See zu infizieren. Das Ministerium empfiehlt, Wassersportausrüstung mit heißem Wasser zu reinigen und vollständig an der Sonne zu trocknen, bevor sie in einem anderen Gewässer eingesetzt wird. Die Muschel vermehrt sich stets weiter, solange das Wasser nicht kälter als fünf Grad Celsius ist.
Hallstättersee und Irrsee noch verschont – Behörden kämpfen um jeden See
Nicht alle Seen sind bereits betroffen. In Oberösterreich konnten Schobesberger und sein Team die Muschel im Hallstättersee und im Irrsee bislang noch nicht nachweisen. „Wir setzen einiges daran, dass das so bleibt“, sagt der Ökologe. Konkret bedeutet das: Aufklärungskampagnen, Hinweisschilder an den Seeufern, Social-Media-Postings – und in manchen Fällen auch Naturschutzverordnungen, die etwa das Stand-up-Paddeln an bestimmten Seen untersagen.
Am kleinen Offensee in Oberösterreich ist genau das bereits Realität: Bootsfahrer und Paddler werden des Wassers verwiesen, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern. „Natürlich ist es ein bisschen ein Kampf gegen Windmühlen, aber nichts zu tun wäre keine Option. Insofern müssen wir einfach unser Bestmögliches geben, dass sie sich nicht weiter ausbreitet“, so Schobesberger. (Quellen: Bundesministerium für Land- und Fortwirtschaft, Klima- und Umweltschmutz und Regionen und Wasserwirtschaft. Der Standard) (jaka)